Von Herzen liest’s sich anders – Junge Schreibende trotzen der KI

Blogheader Junge Schreibende trotzen der KI (c) Selina Teichmann

Während andere ihre Deutsch-Hausübung ruckzuck mit ChatGPT erledigen, nehmen sich diese Nachwuchstalente bewusst Zeit zum Schreiben. Im Rahmen des Preises für junge Literatur „texte“ ist eine Jungautor*innen-Community entstanden, die jährlich wächst. Der künstlichen Intelligenz wird hier auf konstruktive Weise getrotzt – nicht durch Ablehnung des technischen Fortschritts, sondern durch Vertrauen in Menschengemachtes.

Die Frage, ob KI den schriftstellerischen Beruf gefährde, beantwortet Philip Pecoraro, Gewinner des „texte 2025“, klar mit „Nein!“

„Wer sich bedroht fühlt, möge die KI einmal etwas verfassen lassen und sich fragen, ob das dabei Fabrizierte wirklich existenzbedrohlich ist.“

Die Stimme der KI: unverkennbar

Chat GPTs Schreibstil – wenngleich aus einer Vielzahl fremder Texte zusammengewürfelt – lässt sich erkennen: zum Beispiel an den häufigen Aufzählungen, bestehend aus drei Elementen. Genau so etwas liefert KI übrigens als Antwort auf die Frage, wodurch sich ihr Stil auszeichne: „Es fehlt an Ecken, Kanten und individuellem Ausdruck.“

Eine treffende Analyse, meinen die jungen Schreibenden. „Man merkt einfach, ob ein Text von einem echten Menschen mit Gefühlen geschrieben wurde“, findet Publikumsliebling Lilly Postmann. Der Wunsch, sich mit den eigenen Gedanken auseinanderzusetzen, ist für viele der Nachwuchstalente ein Grund, warum sie zu Stift und Papier greifen. „Wenn ich etwas im Bauch habe, hilft es, das rauszuschreiben“, erzählt Zweitplatzierte Theresa Schmerold.

Sie trotzt der KI: die Jungautor*innen-Community des Preises für junge Literatur „texte“ (c) Selina Teichmann

Christoph Braendle, Gründer der „texte“-Plattform, betrachtet den technischen Fortschritt im Kontext seines Literaturwettbewerbs etwas kritischer. So hat er sich 2025 erstmals Sorgen um die Echtheit der Einreichungen gemacht, besonders da die Jury diesmal deutlich weniger  Rechtschreib- und Beistrichfehler in den Manuskripten fand. 

„Die Texte waren formal auffallend gut. Der Verdacht lag nahe, dass mit KI gearbeitet wurde.“ Anhand von Stichproben habe man dies überprüft und zum Glück festgestellt: Die Geschichten kamen nicht von ChatGPT, sondern von Herzen.

Den Extrameter gehen

Generierte Texte haben einen gewaltigen Sprung gemacht. Natürlich ist die Arbeit, seine Gedanken in Worte zu fassen, anstrengend. Es wäre bequem, diesen Aufwand an eine Maschine zu delegieren“, so Braendle, der die „texte“-Plattform vor zehn Jahren als Podium und Vernetzungsmöglichkeit gegründet hat.

„Ich wünsche mir, dass sich junge Leute auch weiterhin der Anstrengung aussetzen, ihre Gedanken und Gefühle selbstständig in Sprache zu gießen.“

„Seid ihr selbst, nur so könnt ihr alles richtig machen!“

Delegieren? Auf diese Frage schütteln die jungen Literat*innen unisono den Kopf, zumal viele von ihnen anstreben, das Hobby zum Beruf zu machen. Innerhalb der Community geben sie einander daher Zuspruch und Rat. 

Seid ihr selbst, nur so könnt ihr alles richtig machen!“, ermutigt Jungautorin Julia Bohrer. Sie selbst empfindet Schreiben als großen Freiraum. „Literatur ist der einzige Bereich in meinem Leben, wo mir wirklich keiner sagt, wie ich’s machen muss!“ Warum also sollte man in einer solchen Herzensangelegenheit die KI einladen?

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