Die österreichische Autorin und heurige Anton-Wildgans-Preisträgerin Karin Peschka hat sich mit ihrer feinen Ironie, wundervollen Erzählkunst und einem literarischen Fingerspitzengefühl einen Namen in der Literaturwelt gemacht.
Ein großartiger Einstieg zum Staunen und Lachen bietet “Bruckners Affe”, ein leicht dystopische Theaterstück rund um den bekannten Komponisten Anton Bruckner, der noch nicht zum Sterben bereit ist, auch wenn er eigentlich schon dem Tod geweiht war.
Akt 1: Na, heit geht’s leider net, ka Zeit zum Totsein!
Anton Bruckner ist gestorben. In der Wiener Karlskirche wird der damals noch nicht so weltberühmte Komponist verabschiedet. Mit einem alltagsadäquaten, verstörenden Gespräch zwischen zwei Trauergästen um die hoffentlich qualitativ hochwertige Verarbeitung der Totenmaske, stolpert der/die Leser*in direkt in die charmante Atmosphäre des Jahres 1896 in Wien.

Während der ehrwürdigen Verabschiedung erwacht Anton Bruckner aus seinem Todesschlaf und ist entsetzt über Lobhudelei und den furchtbaren Chorgesang. Nach kritischem Feedback an die Sänger*innen, bemängelt der eigentlich verstorbene Komponist, dass er keine Zeit zum Totsein hat und macht sich trotz steifer Gebeine und entsetzer Gäste auf den Weg nach Hause zu seiner Haushälterin Kathi.
Trotz Schock ihrerseits, lässt sich Bruckner nicht beirren und möchte weiter an seiner noch unvollendeten 9. Symphonie arbeiten. Kurze Zeit später kommt bereits sein Erzfeind Hanslick, der berühmte Theaterkritiker, ins Haus getrampelt und möchte ihn zur Rückkehr in die Kirche bewegen.
Es wird gestritten und verleugnet, bis schließlich der Kaiser höchstpersönlich den Mann zurückholen möchte – immerhin ist schon alles für das Begräbnis bezahlt. Haushälterin Kathi nimmt sich kein Blatt vor den Mund und geigt dem Kaiser ihre Meinung. Bruckner bittet um Aufschub und trifft sein mittleres und jüngeres Selbst.
Akt 2: Madonna, loss mi zu dia
Der junge Bruckner – das Kind – und der alte Bruckner begeben sich in die Wilheringer Stiftskirche. Bruckner will um jeden Preis zu seiner heiligen und ehrfürchtigen Madonna. Als gläubiger Mann ist ihm der Glaube wichtig und ist auch lebenswegführend, doch der Erzengel weigert sich, ihm Zulass zu gewähren.
Selbst das Kind kann ihm nicht helfen. Auch sein Zählzwang kommt hier zum Vorschein, indem er beginnt, alle Putten an der Decke zu zählen. Es scheint, als ob die Szenen in der Kirche lediglich ein Theater waren.
Akt 3: Wenn do Aff’ eh scho ois waß
In der Nähe von Bruckners Sommerresidenz gibt es ein Palmenhaus. Der Komponist sieht sich dort um und findet einen Affen vor, welcher in einem Käfig gehalten wird. Er macht sich wortwörtlich selbst zum Affen, um zu gefallen und schafft es, dem Tier näher zu kommen. Er schüttet sein Herz aus und lehrt ihn genug, damit er Rückmeldung geben kann.
Akt 4: Fia kane Frau a guater Bua
Wir befinden uns beim Windhaager Dorffest in den 1840er Jahren. Bruckner tanzt mit Anna, einer ehemaligen Schülerin, die seine erste Liebe zu sein scheint. Bruckner ist Hilfslehrer und auch Schüler*innen von ihm sind beim Fest und singen stolz ein von ihm einstudiertes Lied. Eine Frau beklagt sich ständig über ihn und Anna und auch der Direktor scheint seine Haltung gegenüber Bruckner im Laufe des Fest zu ändern.
Bruckner bittet Annas Mutter um ihre Hand, doch sie wertet ihn so sehr ab, dass seine Minderwertigkeitskomplexe über seiner Liebe stehen und er Anna gehen lässt. Beendet wird der Akt mit einer Szene des jungen, mittleren und alten Bruckners, die dem Begräbnis seines Vaters beiwohnen.
Bruckner möchte bei seiner Familie bleiben und auf sie aufpassen, doch die Mutter schickt ihn als Sängerknabe fort. Schlussendlich bittet der Affe die drei Bruckners, mit ihm mitzukommen.
Fazit
Dieses Buch ist ein wahr gewordener Traum für Sprechtheater-Nerds wie mich. Wer glaubt, dass Theaterstücke lesen öde sei, hat sich ordentlich geirrt. Von Anfang schafft es die Autorin mit ihrem Schmäh, Dialekt und ihrem Talent für Szenenbeschreibungen, das Kopfkino der Leser*innen anzukurbeln.
Man lebt förmlich mit jeder Szene mit und fühlt sich wie ein Nebencharakter, der das gesamte Geschehen von der Seite aus beobachten darf. Es ist lustig, spannend und berührend, da allein die Persona Anton Bruckner aufgrund der biografischen Details schon zum Mitfühlen zwingt.
Sprachlich wie auch künstlerisch ist dieses Theaterstück ein Unikat und löst in mir den dringenden Wunsch aus, dass es in verschiedenen österreichischen Schauspielhäusern gespielt werden soll. Am Ende des Theaterstückes gibt es noch einen Essay mit spannenden Fakten rund um Bruckners Eigenheiten, Briefbände, einem Rezept zu Krebsensuppe und Peschkas Zugreise. Das interessante Leben des posthum berühmt gewordenen Anton Bruckner, mit seinen Besonderheiten und der Faszination für die österreichische Sprachkultur in einem Werk.
Wenn ihr nicht viel über Anton Bruckner wisst, mein Tipp: lest es einmal, und vor dem zweiten Durchlauf lest eine kurze Biografie zu dem Komponisten. Ihr werdet sehen, wie sehr sich die Leseerfahrung verändert und wie viele Dinge durch dieses Wissen einen ganz neuen Wert bekommen.


