Österreich ist eine große Patchwork-Familie. ** Ein traumhafter Abend – Rudi Schöller

Blogheader Ein traumhafter Abend (c) Rudi Schöller

In seinem neuen Kabarettsolo beweist Rudi Schöller einmal mehr, wie feinsinnig und treffsicher sein Humor ist.

Es war im Jahr 2005. Damals betrat ein Lakai namens Vormärz den Audienzsaal von Kaiser Robert Heinrich I., und sein Darsteller Rudi Schöller wurde einem breiteren TV-Publikum bekannt. Im Comedy-Format „Wir sind Kaiser“ hatte er eine Rolle als stummer Diener – zehn Jahre später kehrte er sprechend auf die Bühne zurück und holte prompt mit seinem Soloprogramm „Auftrieb“ den ersten Platz bei der Wiener Kabarett-Talente-Show

Inzwischen weiß wohl so ziemlich jeder, dass Rudi Schöller (der eigentlich Schöllerbacher heißt, weshalb er und sein Bruder ab 1996 ihr Kabarettduo Schöller & Bacher nannten), nicht nur sprechen kann, sondern dass es auch sehr viel Spaß macht, ihm zuzuhören. Jede Pointe trifft und wird bei ihm so unaufgeregt gesetzt, dass der Inhalt voll zur Geltung kommt. Laut und wild ist seine Sache nicht, Rudi Schöllers Humor ist feinsinnig. Und wo andere die Doppelaxt einsetzen, greift er lieber zum Skalpell.

Ein traumhafter Abend - Rudi Schöller (c) Rudi Schöller
Ein traumhafter Abend – Rudi Schöller (c) Rudi Schöller

Fahrschulen und das Bildungssystem

Oft ist es ein einziger Satz, der ihm für eine fundamentale Systemkritik genügt. Zum Beispiel: „Wären die Fahrschulen so aufgebaut, wie das restliche Bildungssystem, dann könnte man nach der Führerscheinprüfung sagen, wann Henry Ford geboren wurde, und den Radius eines Ersatzreifens ausrechnen. Aber man könnte nicht lenken und bremsen.“

In seinem neuen Solo „Ein traumhafter Abend“ steht allerdings nicht das Bildungssystem im Zentrum, sondern die Familie, genauer gesagt: die Patchwork-Familie. Warum? Weil Rudi Schöller dieses Thema selbst stark betrifft. Er lebt nämlich in einer Patchwork-Familie, oder eigentlich in zwei. Denn im Grunde, meint der gebürtige Oberösterreicher,ist ganz Österreich eine einzige große Patchwork-Familie, wenn man sich so das Verhältnis der Bundesländer untereinander anschaut.

Privilegierte Kinder

Aber bevor es politisch wird, kehren wir zurück zur eigentlichen Patchwork-Familie, nämlich der privaten des Künstlers, in der ihm immer wieder auffällt, wie viele Rechte und Privilegien Kinder heute im Vergleich zu seiner eigenen Kindheit haben. Wie und wann ist das passiert? Ja, natürlich hat ein gewisser Herbert Grönemeyer 1986, also vor genau 40 Jahren, gefordert: „Gebt den Kindern das Kommando!“ Aber sonst? Es gab nie eine Ringstraßen-Demo. Und nie hat ein Kind in der „ZiB 2” verlangt:

„Wir Kinder wollen nicht mehr aufessen! Wir wollen selber entscheiden, was wir anziehen! Wir wollen mitreden bei Ausflügen und mitentscheiden bei Urlauben! Wir wollen bei den Eltern schlafen, solange wir wollen! Wir wollen blinkende Schuhe, wir wollen, dass sie uns Erwachsene binden, während wir Pancakes essen! Und wir wollen die ganze Liebe der Mutter allein!“

Hätte Armin Wolf dann gefragt: „Zu welchen Gegenleistungen seid ihr bereit?”, hätte das Kind wohl geantwortet: „Zu keinen. Wir sind süß, das muss genügen.” Für Rudi Schöller, geboren 1975 und seit nunmehr 30 Jahren Kabarettist, ist klar: Seine Generation gehört zu den gesellschaftlichen Losern. Früher musste sie auf ihre Eltern hören, jetzt muss sie ihren Eltern alles erklären. Und den Kindern sowieso. Wenn die nicht den Großen alles erklären.

Aber damit eines klar ist: Rudi Schöller mag Kinder. Und sein „traumhafter Abend“ hat zwar einen gesellschaftskritischen, aber keinen schalen Beigeschmack. Man hört ihm gerne zu, wenn er sein Publikum teilhaben lässt an seinem Leben mit Freundin und Patchwork-Tochter und dabei auch manches Tabu aufbricht. Aber Achtung: So brav und lieb und nett der Mann, der einst den biederen Vormärz verkörperte, auch wirkt, so hinterhältig kann so manche Spitze von ihm sein. Boshaft wird er aber nicht. Das würde auch gar nicht zu ihm passen. Und so agiert er auf der Bühne ähnlich sanft wie in seinem 2021 gestarteten Podcast „Pension Schöller“, in dem er mit Kolleg*innen über Gott und die Welt plaudert. Aber eben bei aller Feinsinnigkeit mit treffsicheren Pointen.

Schau hier her → Look here → Buraya bak → Pogledaj ovde → Nézd ide → Guarda qui → انظر هنا → Podívej se sem → Spójrz tutaj → Посмотри сюда → Виж тук → Nhìn đây →

knisternde Beiträge:

"Kultur ist nachhaltig" vegan" lit oida" glutenfrei" neurodivergent" neutral" kulturell" nonbinär" geil" Hafermilch?" chaotisch" richtig" bunt" verständnisvoll" multi" direkt" ...FÜR ALLE"