Wenn die Oper über sich selbst lacht ** L’Opera Seria – Theater an der Wien

Blogheader Lopera seria (c) Werner Kmetitsch

Wer glaubt, Oper sei grundsätzlich eine ernste Angelegenheit voller tragischer Heldinnen, pathetischer (Sterbe-)Szenen und endloser Arien, sollte dringend L’opera seria kennenlernen.

Selten so gelacht in der Oper. Wirklich. Schon nach wenigen Minuten ist im Theater an der Wien klar: Dieser Abend wird keiner jener ehrfürchtig stillen Opernabende, bei denen das Publikum andächtig in den Samtsesseln versinkt. Hier wird gelacht. Laut. Immer wieder. Und zwar quer durch den Saal. 

Als Florian Leopold Gassmann und sein Librettist Ranieri de’ Calzabigi das Werk 1769 im damaligen Wiener Burgtheater uraufführten, war es nämlich weit mehr als eine Komödie. Es war ein satirisches Statement zum damaligen Opernbetrieb. Die damals tonangebende Opera seria – mit ihren strengen Regeln, übergroßen Sänger-Egos und pathetischen Helden – wird hier mit genüsslicher Ironie auseinandergenommen. Oder anders gesagt: Schon im 18. Jahrhundert wusste man, dass der Opernbetrieb manchmal ein ziemlich absurder solcher sein kann.

Knister*Wissen: Eine Opera Seria (ernste Oper) ist die klassische barocke Hofoper, modern im 18. Jhd., mit heroischem, antiken Stoff und virtuosem Belcanto-Gesang – meist für Kastraten geschrieben.

Serena Gamberoni (Porporina), Andrea Carroll (Smorfiosa), Josh Lovell (Ritornello), Julie Fuchs (Stonatrilla), Roberto de Candia (Delirio), Pietro Spagnoli (Fallito), Tänzer (c) Werner Kmetitsch
Serena Gamberoni (Porporina), Andrea Carroll (Smorfiosa), Josh Lovell (Ritornello), Julie Fuchs (Stonatrilla), Roberto de Candia (Delirio), Pietro Spagnoli (Fallito), Tänzer (c) Werner Kmetitsch

Alles, was nur schief gehen kann.

Die Handlung treibt dieses Spiel auf die Spitze. Der Komponist Sospiro (übersetzt: „das Geächze“), gesungen von Petr Nekoranec, und der Dichter Delirio („Wahn“), dargestellt von Roberto de Candia, wollen stolz ihre neue Oper präsentieren. Doch kaum beginnt die Arbeit, gerät alles aus den Fugen. Der Impresario Fallito („der Gescheiterte“), mit köstlicher Selbstironie verkörpert von Pietro Spagnoli, verlangt Kürzungen. Die Primadonna Stonatrilla („die, die falsch trillert“) – Julie Fuchs – fordert mehr Rampenlicht, während Smorfiosa („die Zimperliese“) gesungen von Andrea Carroll und Porporina  (Serena Gamberoni) ebenfalls ihre Ansprüche anmelden. Dazu kommen der Tenor Ritornello (Josh Lovell) und Passagallo (Alessio Arduini).

Kurz: Willkommen hinter den Kulissen eines Opernbetriebs – wo Eitelkeiten, künstlerische Visionen und blanke Nerven regelmäßig aufeinanderprallen.

Dass dieser Abend so hervorragend funktioniert, liegt nicht zuletzt an der Inszenierung von Laurent Pelly. Souverän verbindet er Tempo, Slapstick und feine Ironie miteinander. Besonders beeindruckend ist die extrem ästhetische Bühnenwelt: eine elegante, fast grafische Komposition aus Schwarz-, Weiß- und Silbertönen. Minimalistisch und doch voller Details – wie eine stilisierte Opernwelt im Spiegelkabinett.

Musikalisch sorgt Christophe Rousset mit seinem Ensemble Les Talens Lyriques für barocke Energie. Und genau hier zeigt sich ein weiterer Reiz dieses Stücks: Diese Barockmusik hat erstaunlich viel Drive. Fast könnte man meinen, unter den kunstvollen Arien und Ensembles einen kleinen musikalischen „Rock-Impuls“ mitzuhören.

Als Theaterdirektor hat man es nie leicht. Roberto de Candia (Delirio), Pietro Spagnoli (Fallito), Petr Nekoranec (Sospiro) (c) Werner Kmetitsch
Als Theaterdirektor hat man es nie leicht. Roberto de Candia (Delirio), Pietro Spagnoli (Fallito), Petr Nekoranec (Sospiro) (c) Werner Kmetitsch

Humor auf mehreren Ebenen

Für Kenner steckt der Humor ohnehin oft schon in der Partitur selbst. In der Instrumentierung, in überdrehten Koloraturen oder in musikalischen Seitenhieben auf die Opernklischees des 18. Jahrhunderts. Auch das Ballett – in der schwungvollen Choreographie von Lionel Hoche – sorgt für zusätzliche Bewegung, Witz und Eleganz. Immer wieder entstehen kleine choreographische Szenen, die das Publikum hörbar zum Lachen bringen.

Knister*Wissen: Eine Partitur ist die vollständige Niederschrift eines Musikwerks, in der alle Stimmen des Orchesters und der Sänger*innen notiert sind. Koloraturen sind schnelle, verzierte Tonfolgen im Gesang.

Und dann gibt es da noch diesen Satz des Impresarios, der heute fast erschreckend aktuell klingt, gerade in Zeiten, in denen wieder einmal über Budgetkürzungen im Kulturbereich diskutiert wird:

„Ein verfluchtes Geschäft ist das Musiktheater… bei jeder Premiere bebt uns das Herz und an jedem Monatsende sinkt es uns in die Hose.“

Am Ende bleibt ein herrlicher Widerspruch, den das Stück selbst formuliert: Die Oper sei „eine Geißel der Menschheit“, heißt es einmal. „Die größte Errungenschaft des menschlichen Geistes“, an anderer Stelle. Nach diesem Abend im Theater an der Wien möchte man hinzufügen: Vielleicht ist Oper tatsächlich beides. Aber selten hat sie dabei so viel Spaß gemacht – auf der Bühne und im Publikum.

Was kann schon schief gehen_ Die Antwort ist_ Alles. Am Bild_ Serena Gamberoni (Porporina), Andrea Carroll (Smorfiosa), Julie Fuchs (Stonatrilla), Josh Lovell (Ritornello) (c) Werner Kmetitsch
Was kann schon schief gehen? Die Antwort ist: Alles. Am Bild: Serena Gamberoni (Porporina), Andrea Carroll (Smorfiosa), Julie Fuchs (Stonatrilla), Josh Lovell (Ritornello) (c) Werner Kmetitsch

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