Der Desinformation gekonnt gegen das Schienbein treten ** Gedenken neu denken – Susanne Siegert

Blogheader Gedenken neu denken (c) Ina Lebedjew

Mit „Gedenken neu denken“ trat Susanne Siegert mit ihrer Social-Media-Alias @keine.erinnerungskultur auch in die analoge Welt des Wissens über. Ein Buch, das wichtiger nicht sein könnte.

Auf Instagram folgen Susanne Siegert rund 200.000 Menschen. Auf TikTok sind es beinahe 230.000. Und das, obwohl die Themen, um die es in ihren Videos geht, alles andere als unterhaltsamer Wohlfühlcontent sind. Sie spricht über den Holocaust, die Abkürzungen der Nazis und Einzelschicksale. Dabei bleibt sie ernst, aber nahbar, empathisch, aber faktenbasiert. Ihr Journalismus zeichnet sich durch seine Zugänglich- und Verständlichkeit aus. Und genauso ist auch ihr Buch „Gedenken neu denken“ geschrieben.

Opfer- oder Täter*innenseite?

Die Gedenktage des Zweiten Weltkriegs sind landläufig bekannt. Dass wir dabei den Opfern der Shoah, also des Holocausts, gedenken ebenso. Siegert sieht dies allerdings anders und zählt unzählige – sehr gute – Gründe auf, weshalb nicht der Opfer, sondern den Taten der Täter*innen gedacht werden sollte. 

Dabei bleibt sie verständlich und schafft es dennoch, an das Buch zu fesseln. Ihre Gedankenstränge sind klug ausformuliert und faktengestützt. Sie zeigt nicht nur ihr umfangreiches Wissen, sondern auch ihren sprachlich überaus feinen Stil. Dieser entpuppt sich im Laufe des Buches als maßgebliches Werkzeug, weshalb man dieses Buch zu Ende liest. Das liegt nicht daran, dass der Inhalt langweilig ist. 

Ganz im Gegenteil. Sie beschreibt die Taten mit genau der Härte und Nüchternheit, die es braucht, damit sie mit voller Wucht ankommen. Siegert plädiert dafür, das eigene und kollektive Erinnern an den Holocaust zu verändern. Dafür muss laut ihr den Opfern zugehört werden. So simpel und doch nicht so leicht, wie sich zeigt. Denn ordentliches Zuhören bedeutet auch, keine Fragen zu stellen, deren Antwort offensichtlicher nicht sein könnte. Stichwort: aktiver Rechtsruck.

Gedenken neu denken erschien 2025 und könnte aktueller nicht sein. (c) Ina Lebedjew
Gedenken neu denken erschien 2025 und könnte aktueller nicht sein. (c) Ina Lebedjew

Erinnern im Wandel

Wichtiger ist es allerdings, sich der eigenen Geschichte bewusst zu sein. 

Wo war der eigene Großvater wirklich im Einsatz? Gab es wirklich einen Schießbefehl gegen alle, die sich geweigert haben? Wie hat die eigene Gemeinde agiert? Und wusste Oma wirklich nichts von den Lagern, oder kann das gar nicht der Fall gewesen sein? 

Kritisches Hinterfragen der eigenen Familienhistorie ist aus Siegerts Sicht hier das A und O. Weil die Beteiligten in den meisten Fällen bereits verstorben sind und Erinnerungen gerne verzerrt sind, führt die Autorin viele Datenbanken und Archive auf, die man zu Rate ziehen kann. Da wäre zum Beispiel Yad Vashem oder Arolsen Archives

Ausreden für das eigene Unwissen und damit die Ignoranz der eigenen (potenziellen) Täter*innengeschichte gibt es dadurch praktisch keine mehr. Und genau das ist auch der springende Punkt. Wie auch die Scham die Seite wechseln muss, so muss auch das Erinnern die Seite wechseln. Weg von den wehrlosen Opfern, die sich ihrem Schicksal sang- und klanglos hingegeben haben, hin zu den Täter*innen und den Taten, zu denen sie sich aktiv entschieden haben. Um zu sehen, wie es dazu gekommen ist. Um hinzusehen und nicht den Schleier des Leids vorzuschieben. Um „Nie wieder ist jetzt“ auch in die Wirklichkeit umzusetzen.

Klare Empfehlung

Susanne Siegert hat mit „Gedenken neu denken“ ein immens wichtiges Buch geschrieben. Der Blickwinkel auf die Täter*innen und damit die Ursache der Shoah gibt zu denken und stellt vor unangenehme Tatsachen. Als Einschlaflektüre nicht unbedingt zu empfehlen. Als Chance zur intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst, den eigenen Ansichten und der eigenen Geschichte dafür umso mehr. Unbedingt lesen und wenn möglich auch im Unterricht bearbeiten.

Susanne Siegert, „Gedenken neu denken“. € 18,- / 240 Seiten. Piper, München 2025.

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