Das neueste Werk des Psychiaters, Psychologen und Psychotherapeuten Michael Lehofer behandelt Alltagsthemen mit Fokus auf das (banale) Wesentliche in hochgestochener Sprache. Mein Hirn hat viel zu tun.
Wovon denn bitte zu viel?
In einer Welt, in der wir alles haben und beschaffen können, gibt es einen monströsen Überfluss, der kaum mehr zu bändigen ist. Man definiert seinen Wert über Habseligkeiten, wird ständig und überall zum Konsum verleitet. Und muss sich durch den Dschungel der Gier kämpfen.
Genau hier setzt Michael Lehofer an. Es geht darum, wieder zum Ursprung zurückzufinden. Zum Ursprung des Eigentlichen, oder auch ein Heimfinden zum inneren Wohlstand. Einzelne Essays zu Alltagsthemen heben dieses Problem hervor und werden durch weitgreifende und ausschweifende Gedanken ergänzt.
Und wie gehe ich das jetzt an?
Verwöhnung in Form von Geschenken ist es für den Autor schon mal nicht. Die erfüllen uns zwar Wünsche, aber die eigentlichen Bedürfnisse werden komplett übersehen. Wie Lehofer schreibt, finden wir diese „leeren” Erfüllungen ja auch in einer Form der Überentwicklung: Wir wollen uns keinen Entwicklungsaufgaben mehr stellen und bevorzugen das gewohnte Leben als das ungewohnte Glück (auch, wenn das vielleicht tolle Möglichkeiten hervorbringen würde).
Das Wachstum, also wie wir uns in unserem Leben weiterentwickeln, bringt laut Lehofer die eigentliche Lebendigkeit hervor. Nur, wenn wir diese spüren können, kann das Leben überhaupt zu blühen beginnen. Dafür benötigen wir allerdings unsere Gefühle, die uns helfen, zu gedeihen und die Liebe, die sanft, still und wirksam ist. Wir müssen zudem akzeptieren, dass wir immer noch das Wunder sind, das wir immer schon waren. Und, dass die Kreativität uns das Potential dazu gibt, immer über uns hinauszuwachsen. Klingt alles ganz schön, oder?

Stille, Versöhnung, Sorgen, Dankbarkeit… nichts wird ausgelassen!
Lehofer spricht über Gott und die Welt. Er setzt sich mit Themen wie Sehnsucht, Erlösung, Selbstverantwortung, heilsame Veränderungen auseinander und betrachtet sie mit einem besonderen Weitblick.
Er gibt mit Erzählungen von persönlichen Begegnungen, eigener Erfahrungen aus dem Privat- und Arbeitsbereich sowie des angeeigneten Wissens oder der Lebensweisheiten großer Köpfe Einblicke in seine Denkweise. Wo er Probleme und Veränderungspotential sieht, an welchem Punkt es zu viel wird und wo man tatsächlich ansetzen müsste, um wieder zum Ursprung zu kommen.
Offen, wertschätzend und dennoch kritisch schafft er es, die Kernessenz rauszuholen. Und dabei gibt er den Leser*innen zu verstehen, wo man wieder zurückrudern sollte oder könnte, um ein für sich zufriedenes Leben führen zu können.
Selbstverantwortung und Erlösungen – wo ich abgeholt wurde
Bei diesen zwei Kapiteln (die sich relativ am Ende befinden) habe ich mich erstmals gedanklich und emotional abgeholt gefühlt. Er schildert, wie Verwöhnung auch als Vernachlässigung der eigentlichen Bedürfnisse gesehen werden kann. Und wie die geschenkte und ehrlich wiedergegebene Liebe zum wahren Glück führt.
Im Streit mit nahestehenden Personen spielt einem oft die eigene Wahrnehmung rein. Denn man hat meist ganz bestimmte Vorstellungen, wie jemand etwas tun soll. Wenn das nicht so erfüllt wird und die andere Person sich auch ständig anpassen muss, führt das letztlich zur Verbitterung. Ein „Ja” kann nur von Bedeutung sein, wenn ich auch „Nein” sagen kann und ungelöste Probleme sind die großen Killer, die uns krank machen.
Ich habe verstanden, dass man nicht alles verstehen muss
Ich hatte mit diesem Buch ehrlich gesagt wirklich zu kämpfen. Anfangs habe ich mir sehr schwer getan, in die Gedankenwelt und die Sprache des Autors zu finden, da mir persönlich alles zu geschwollen und akademisch formuliert ist. Daher konnte ich vielen Überlegungen nicht auf Anhieb folgen und musste einige Sätze öfters wiederholen, um wieder auf den Gedankenzug aufspringen zu können.
Das bedeutet jedoch nicht, dass einzelne Aussagen bei mir keinen Nachklang gefunden haben. Seine Message, auf das Wesentliche im Leben zurückzukommen, ist für mich von großer Bedeutung und ein wichtiger Veränderungsimpuls für unsere Gesellschaft und für jede*n von uns.
Die zwei beschriebenen Kapitel haben nochmals etwas in mir angestoßen und mir auch zu verstehen gegeben, dass man nicht immer alles prompt verstehen muss. Sondern es auch einfach Zeit brauchen darf. Man könnte dieses Buch als Heilige Schrift der Selbstreflexion sehen – mit Hürden und Möglichkeiten.
Kneipp Verlag (Verlagsgruppe Styria), Wien 2026


