Helena Adlers Roman „FRETTEN“ begeistert mit Gebärdensprache, Gefühlen und großen Worten. Anita Buchart und Mika Tacke überzeugen im Kosmos Theater mit einer Bühnenfassung.
Als das Stück beginnt, wird es ruhig im Saal und die Aufmerksamkeit fällt auf Deaf-Performerin Carina Kilinc. Sie erzählt von einer Bergidylle. Von saftigen grünen Wiesen und weiten Ausblicken. Das glaube ich zu verstehen, als ich sie gebärden sehe. Alles habe ich definitiv nicht verstanden. Sie bewegt sich durch eine luftig-weiche Schaumlandschaft und erzählt von einem Ich, das in eine wunderschöne, sanfte Welt geboren wurde.
Kilinc gebärdet die Theater-Version von Helena Adlers (1983-2024) Roman „FRETTEN“. Darin geht es um die eigene Herkunft und wie man dieser nicht entkommen kann. Geschildert werden grausame und schlimme Erfahrungen. Die Geschichte findet ihren Höhepunkt in der Stadt, bei der Geburt ihres eigenen Kindes. Sie endet damit, dass die Frau dem Tod ins Auge sieht.
Knister*Wissen: FRETTEN ist ein Dialektwort und bedeutet: sich abmühen, sich plagen, mühsam über die Runden kommen, sich aufreiben, sich wund reiben.

Gleichberechtigte Bühnensprachen
Zurück zur Anfangsszene: Sie ist einfach schön. Der schulterhohe Schaum bildet mit seinen Hügeln und Erhebungen eine eigene malerische Landschaft. Und irgendwann kommen zu Kilinc drei weitere Performerinnen (Pam Eden, Michèle Rohrbach und Valerie Madeleine Martin) hinzu. Die gebärdensprachliche Traumwelt wird nun auch mit Lautsprache untermalt.
Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) und Lautsprache stehen hier zwar gleichberechtigt nebeneinander. Es ist aber keine 1-zu-1-Übersetzung. Gebärdensprachen haben eine andere Grammatik als Lautsprachen. So fanden Deaf-Performerinnen Kilinc und Eden einen eigenen Weg, den Text in ÖGS zu interpretieren.

Gefühlschaos
Die MakeMake-Produktionen analysieren, dass „Sprachverdichtungen, Umdeutungen von vermeintlich klaren Begriffen, die Verdrehung von abgegriffenen Phrasen“ typisch für Adlers Schreibstil waren. So ist „jede Station hier eine Endstation. Spätestens aber der Landesgrenze wird man suizidal, darum ist sie unsere Schmerzgrenze“. Oder reiche „Wirtschaftswichte“ unterhalten sich „über die Erfolge und Erbfolge ihrer Söhnchen“. So gibt es auch „eine Filiale für jeden Filius“.
Während der Geburtsszene raufen, rutschen und rangeln die vier Performer*innen über den inzwischen verschleimten Schaum. Es wird eine grausliche Realität aufgemacht, die einem vor Augen führt, dass eine Geburt ein Überlebenskampf ist. Sie ist das Gegenteil der Anfangsszene. Noch bemerkenswerter sind die beiden Deaf-Performerinnen Carina Kilinc und Pam Eden. Während sie herumkugeln, gebärden sie weiter und weiter.
Als das Stück zu Ende ist, gibt es stehende Ovationen, lauten Applaus und Stampfen. „FRETTEN“ ist ein bewegendes Stück, das Beklemmung auslöst und das Publikum begeistert zurücklässt. Nur eines finde ich schade: Dass ich das Buch noch nicht gelesen habe.


