Ein Fact-Check zur Super Bowl-Halftime Show 2026 mit Bad Bunny

Blog Header Bad Bunny SuperBowl (c) AFP, Angela Weiss

Bad Bunny blieb ein unterhaltsamer Hase.”: Es war der erste Artist für die Super Bowl-Halftime Show mit einer rein spanischen Show und einer großartigen Message für Liebe und gegen Hass. Und der deutschsprachige Kulturjournalismus lässt schon wieder nach. 

Während sogar der “böse böse Boulevard” – aka OE24 – die politische Symbolik von Bad Bunnys Halftime Show verstanden hat, veröffentlicht der Herausgeber der FAZ eine “Analyse”, die mehr einem schlecht recherchierten Kommentar gleicht. Nach zehn Minuten landet der Artikel nach dem Browser-refresh hinter der Paywall, aber die kultur*knistern Redaktion war schneller. Deshalb heißt es auch dieses Jahr wieder: Liebe Kolleg*innen, we fixed it for you! 

Let’s start with the Basics.

“Bad Bunny, bürgerlich Benito Ocasio, hatte sich, als er den Grammy-Musikpreis erhielt, kritisch zum Gebaren der Grenzpolizei ICE geäußert.”
Vielleicht ein kleines Detail, aber: Wenn man schon den bürgerlichen Namen nennt, dann bitte ordentlich. Sein ganzer Name ist Benito Antonio Martínez Ocasio – und wurde auch zu Beginn der Halftime Show eingeblendet.

“Es genügt, dass jemand »Fuck ICE« sagt, um ihn als Helden des Widerstands gegen Trumps Tyrannei zu erkennen.”
Falsch: Bad Bunny hat schon immer Kritik an der US-Regierung ausgeübt. Auf dem Album “Un verano Sin Ti” zum Beispiel, im Song „El Apagón“ – während Bidens Präsidentschaft.

“Ein im weißen Anzug auftretender Sänger, der von vielen Frauen, auch ein paar Paaren, umtanzt wurde, (…)”
Bad Bunny trug ein Football Jersey mit der Nummer 64 auf dem Rücken. Eine Hommage an seinen verstorbenen Onkel, der ihm viel über die NFL beigebracht hat und mit dem er die Leidenschaft für den Sport geteilt hat. Wer in Bad Bunnys Outfit-Wahl (by ZARA, btw) nach einer Symbolik suchen möchte, könnte sich hier an der Bedeutung der Farbe Weiß orientieren – sie steht für Frieden, das Ende eines Krieges/Kampfes oder für Unschuld. 

Politik & Geschichte in einer Show vereint.

“(…) bewegte sich durch einen Hain so, wie es früher die Schlagerstars in den Kulissen der Abendshows mit dem Fernsehballett taten.” 
Dieses Feld war kein “Hain”, sondern ein Feld aus Zuckerrohr, ein recht klarer Hinweis auf die Geschichte von Puerto Rico und die Versklavung der Einheimischen. Die begann nämlich schon lange, bevor die US-Amerikaner die Insel 1898 übernommen haben. So wie jede gute Kolonie startete es hier mit den Europäer*Innen, genauer gesagt mit Spanien. Später wurden auch spanische Sklaven von Afrika nach Puerto Rico transportiert. 

“(…) Cha-Cha-Cha in Rap-Version. Gute, rhythmisch beschwingte Laune. Bestätigung aller Phrasen vom lateinamerikanischen Temperament. Womöglich stimmen sie ja sogar.”
Kulturell (und auch im Stil) gibt es einige Unterschiede zwischen den diversen Tanzstilen. In diesem Fall tanzt man zur Musik von Bad Bunny Salsa und Bachata, nicht Cha-Cha-Cha. Der Hinweis auf das “lateinamerikanische Temperament” ist übrigens von so vielen Stereotypen geprägt, dass wir gar nicht erst darauf eingehen wollen. 

“Politisch war daran gar nichts. Es war harmlos. Wer ausdrücklichen Widerstand, demonstrative Kritik erwartet hatte, wurde enttäuscht.“
Wer meint, politisch zu sein muss immer in Kombination mit Gewalt, Trauer und wut-verzerrten Gesichtern passieren, liegt falsch. Bad Bunnys Auftritt war ein klares Zeichen gegen Spaltung. Kein „Wir gegen die Anderen“, sondern ein „Wir alle gemeinsam“. God Bless America – und damit nicht nur die USA, sondern ALLE Länder auf dem gesamten Kontinent. Politisch? 100%. Aber weniger direkt und damit auch weniger spaltend, als andere Artists.

Achtung mit Vergleichen, die nicht stimmen können.

Die Operette ist keine Form des Widerstands, und Bad Bunny ist eine Operettenfigur, ein puerto-ricanischer Czardas-Fürst, auch wenn seine Anhänger davon nichts wissen. So trat er jedenfalls in Santa Clara auf, gewinnend harmlos und lustig, während sie vor ihm und nach ihm Football spielten.”

Falsch. Die Operette ist schon immer ein Werkzeug gewesen, um politische Kritik in Kombination mit Humor ans Publikum zu bringen. Nicht ohne Grund wurden sie schon immer so geschrieben, dass jede Inszenierung und jede*r Operetten-Sänger*In aktuelles, tagespolitisches Geschehen einbauen kann. Operetten sind das kritischste Genre der “Klassik”, vor allem wenn es um Gesellschaftskritik und das Hinterfragen von bestehenden Systemen geht. Nirgends sonst konnte früher (oder in gewissen Kreisen) offen die Politik kritisiert werden. 

Außerdem: “Die Csárdásfürstin” ist eine Operette, in der es um Verkleidungen, falsche Annahmen, und „lustige“ Intrigen und geht. Die “Fürstin” ist in dieser Operette keine echte Person, sondern eine erfundene Figur. Warum? Um in den Adel zu passen, ein „Teil davon“ sein zu können und gleichzeitig die diversen Lügengeschichten aufzudecken.

Die Politik und die Musik.

“Politisch sind Show-Acts ohnehin selten. Trotz des Geredes, sie seien politisch, weil Bad Bunny etwas gegen Trumps Truppen gesagt hatte, die Migranten drangsalieren.”
Ähnliche Kommentare gab es letztes Jahr schon bei Kendrick Lamar. Das Verständnisproblem und die geringe Wahrnehmung von politischer Symbolik und Kritik dürfte also nicht an einer Sprachbarriere liegen. Generell gilt, dass gerade im Journalismus die Recherche zu Künstler*innen Priorität haben sollte.  

“Es genügt, dass jemand „Kolonialgeschichte” sagt oder singt, um sich für den Widerstand zu qualifizieren.”
Kolonialgeschichte in Apostrophen zu setzen, würde voraussetzen, dass eben diese nicht existiert. Fakt ist, dass Puerto Rico als Kolonie gilt und politisch kein Mitbestimmungsrecht haben – obwohl sie US-Territorium sind.

“Er blieb also auf der Schlagerebene. Wie könnten wir es ihm vorwerfen? Denn er ist ein Schlagersänger.” 
Die Musikrichtung Reggaeton existiert seit 20 Jahren im Mainstream und ist alles andere, als “Schlagermusik” – auch für die z.B. Puerto Ricaner*innen oder die Latino-Community.  

Wenn OE24 die politische Message checkt, aber der Herausgeber der FAZ nicht, läuft was falsch im Kulturjournalismus. (c) Screenshot FAZ, 09.02.2026 19:38

5 Fakten zur Symbolik von Bad Bunnys Show

  1. Die „Pava“ und das Jíbaro-Motiv
    Fakt: Bad Bunny und seine Tänzer trugen weiße Kleidung und traditionelle Strohhüte (Pavas).
    Bedeutung: Die Pava ist das Symbol der puertoricanischen Landbevölkerung (Jíbaros) und wird auf der Insel seit Jahrzehnten als politisches Symbol für Widerstand, ländliche Identität und den Kampf gegen koloniale Abhängigkeit genutzt.
  2. Kritik an der Infrastruktur und Korruption („El Apagón“)
    Fakt: Während des Songs El Apagón („Der Stromausfall“) kletterte er auf einen Strommast; im Bühnenbild waren Funken und flackernde Lichter zu sehen.
    Bedeutung: Dies ist eine direkte Kritik an den chronischen Stromausfällen in Puerto Rico und der Vernachlässigung durch die US-Behörden nach Hurrikan Maria. Der Song selbst ist eine Protesthymne gegen Gentrifizierung und die Privatisierung der Insel-Infrastruktur.
  3. Die hellblaue Flagge
    Fakt: Er präsentierte eine Version der puertoricanischen Flagge mit einem hellblauen Dreieck (Azul Celeste).
    Bedeutung: Dies ist die ursprüngliche Flagge, die vor der US-Übernahme genutzt wurde (1895). Als die Flagge erstellt wurde, wurde der Farbton nicht spezifiziert. Es gibt wohl mündliche Überlieferungen, dass es ein helles Blau sein soll – aber ob diese Stimmen weiß keiner. Trotzdem gilt sie heute als das Symbol der Unabhängigkeitsbewegung und des Widerstands gegen den Status als US-Außengebiet. 
  4. Die „Zuckerrohr“-Bühne (Historisches Detail)
    Fakt: Die Bühne war stellenweise so gestaltet, dass sie an ein Zuckerrohr-Feld erinnerte.
    Bedeutung: Die Geschichte Puerto Ricos unter US-Herrschaft begann mit der massiven Umgestaltung der Insel in eine riesige Zuckerrohr-Monokultur für US-Konzerne.
    Das Detail: Für Kenner*innen der Geschichte war das Bühnenbild eine visuelle Metapher für die wirtschaftliche Ausbeutung der Insel durch die USA im frühen 20. Jahrhundert. Bad Bunny „besetzte“ diesen geschichtlich belasteten Raum und verwandelte ihn in eine Party der Selbstbestimmung.
  5. Lady Gaga’s Blume
    Fakt: Lady Gaga trägt am Kleid eine rote Blume 
    Bedeutung: Es ist die Blume von Puerto Rico (National Flower of Puerto Rico) und heißt einfach “Flor de Maga” (Wortwitz, lol).

 6 Fakten zum Auftritt von Bad Bunny

  1. „Lo que le pasó a Hawai’i“
    Fakt: Er ließ Ricky Martin diesen Song performen.
    Bedeutung: Der Text zieht Parallelen zwischen der Kolonialisierung Hawaiis und Puerto Ricos und warnt vor der kulturellen Verdrängung der einheimischen Bevölkerung durch US-Einflüsse. Der Puertorikaner Ricky Martin gilt auch als Latin-Pop Ikone, der damals angewiesen war, auf Englisch zu singen, um seine Karriere starten zu können. Bad Bunny hat ihm die Bühne gegeben, in seiner Sprache singen zu können.
  2. Neudefinition von „Amerika“
    Fakt: Er rief „God Bless America“, zählte dann aber fast alle lateinamerikanischen Länder auf. Auf einem Football stand der Schriftzug: „Together We Are America“.
    Bedeutung: Dies wird als bewusste Untergrabung des US-zentrierten Amerika-Begriffs gewertet. Er forderte ein inklusives Pan-Amerikanismus-Verständnis, das Lateinamerika als gleichwertigen Teil des Kontinents sieht – eine klare Absage an „America First“-Rhetorik.
  3. Timing und die „Fuck ICE“-Vorgeschichte: Der FAZ-Artikel erwähnt es nur kurz als „Gerede“, aber faktisch ist Bad Bunnys gesamte Karriere seit 2019 politisch aufgeladen.
    Fakt: Er war eine der Schlüsselfiguren bei den Protesten in Puerto Rico in 2019, die den damaligen Gouverneur zum Rücktritt zwangen. (Quelle)
    Bedeutung: Dass er beim Super Bowl, einem Event, das traditionell das US-Militär und die nationale Einheit feiert, auftrat, nachdem er sich kurz zuvor öffentlich gegen die US-Grenzschutzbehörde (ICE) gestellt hatte, war für konservative US-Politiker eine offene Provokation. Er hat seine politische Identität nicht an der Garderobe abgegeben, sondern diese „Aura“ mit auf die Bühne gebracht.
  4. Die Grammy-Übergabe (Achtung, Myth-Busting!)
    Fakt: Bad Bunny überreicht seinen Grammy einem kleinen Jungen.
    Bedeutung: Es ist nicht der Junge, der von ICE entführt wurde, wie oft behauptet wurde. Er ist ein Schauspieler und wurde gebucht weil er aussieht wie Benito als Kind.
  5. Das Busch-Ensemble
    Fakt: Am Rasen wurde ein riesiges Zuckerrohr-Feld aufgebaut, teilweise mit Menschen in Busch-Kostüm.
    Bedeutung: Es dürfen nur 25 Wagen verwendet werden, damit der Rasen nicht unnötig beschädigt wird. Die Lösung: paar Hundert Menschen als Büsche verkleiden.

Quellen zum nachlesen:

Schau hier her → Look here → Buraya bak → Pogledaj ovde → Nézd ide → Guarda qui → انظر هنا → Podívej se sem → Spójrz tutaj → Посмотри сюда → Виж тук → Nhìn đây →

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