Der ESC schreibt LGBTQI+ groß. Das ist Fakt. Doch warum eigentlich?
Ob Trans-Personen, Drag Queens oder non-binäre Menschen – bei der größten Musikshow der Welt ist queere Repräsentation längst das, was sie immer sein sollte: selbstverständlich.
Das Qwien, ein queeres Kultur- und Geschichtszentrum in Wien, macht diese Entwicklung in seiner neuen Ausstellung „United By Queerness“ noch sichtbarer. Wir haben mit dem Historiker und Mediengestalter Max, der die Ausstellung mitentwickelt hat, über dieses Phänomen gesprochen.
Wie ist der ESC so queer geworden?
Eine Ausstellung über den Eurovision Song Contest in einem queeren Museum? Das ergibt absolut Sinn. Seitdem ich den ESC bewusst verfolge, fällt mir kein Jahr ein, in dem nicht mindestens eine offen queere Person auf der Bühne stand – sei es als Interpretin, Tänzerin oder als Teil der kreativen Leitung.
Eine Show für die ganze Familie, die weit über Europa hinaus ein Millionenpublikum erreicht – und dabei eine Selbstverständlichkeit queerer Sichtbarkeit lebt, wie man sie von kaum einem anderen globalen Großereignis kennt. Gerade in Zeiten eines weltweiten Rechtsrucks stellt sich deshalb umso mehr die Frage: Wie ist es dazu gekommen? Max kann darauf keinen eindeutigen einschneidenden Moment benennen, hat aber eine Erklärung:
„Diese Präsentation, diese Performance, diese ganze Inszenierung ist für viele Menschen sehr ansprechend. Dadurch entsteht auch eine Art Safe Space. Vor allem queere Menschen haben hier eine Bühne bekommen – und weil der Wettbewerb ständig rotiert und sich neu erfindet, sorgt er immer wieder für neue Sichtbarkeit.“
Der ESC war nie nur ein Musikwettbewerb. Er war immer auch Projektionsfläche, Experimentierfeld und Bühne für Identitäten, die im Mainstream lange keinen Platz hatten.

Gegen den Farbstrom schwimmen
Die Ausstellung analysiert diesen Prozess unter anderem am Beispiel von Conchita Wurst. Ihr Sieg beim ESC wird hier nicht als singuläres Pop-Phänomen verstanden, sondern als Auslöser für gesellschaftliche Debatten – etwa rund um Gleichstellung und „Ehe für alle“ – , die in den Mainstream getragen wurden. Auch visuell bricht die Ausstellung mit Erwartungen. Statt sich im vertrauten Farbspektrum des ESC – Pink, Lila, leuchtendes Blau – zu bewegen, setzt Max auf eine subtile Retro-Ästhetik. Das Design simuliert ein leichtes „Fernsehflimmern“ und arbeitet mit einer gezielten, zurückhaltenden Farbpalette, die historische Tiefe vermittelt.
Dieser Ansatz verleiht dem ESC einen dokumentarischen Rahmen und unterstreicht seinen Wert als ernstzunehmendes kulturhistorisches Forschungsobjekt – ohne dabei seine popkulturellen Wurzeln zu verleugnen. Es geht nicht um Ironie oder Überhöhung, sondern um Einordnung.

Gemeinsam für alle
Für Max steht fest:
„Hinter einer Ausstellung, die Community vermitteln will, muss auch ganz viel Community stecken.“
„United By Queerness“ versteht sich daher nicht nur als Rückblick, sondern als kollektives Projekt. Der ESC wird hier nicht bloß gefeiert – er wird als Raum gelesen, der über Jahrzehnte hinweg Zugehörigkeit geschaffen hat. Vielleicht liegt genau darin sein queerer Kern: in der Idee, dass Vielfalt kein Sonderfall ist, sondern Normalität.


