Das österreichische Filmfestival „Diagonale” findet jährlich in Graz statt. Paulina, Tabea und Theresa waren für euch bei der 29. Ausgabe dabei.
Da wir drei selbst noch nie auf dem Grazer Filmfestival „Diagonale” waren, war das erste Gefühl definitiv Überforderung. Recherche, Zeitplan, Schlafen. Wo soll man da überhaupt anfangen? Lernt von unseren Fehlern – hier ist unser Guide.
1. Bau dir deine eigene Diagonale
Disclaimer: Für alle aus der Filmbranche und der Presse funktioniert die Diagonale ein bisschen anders: Wir haben uns akkreditieren lassen. Mit der Presse-Akkreditierung (25,-) sind Filmreservierungen spontaner möglich, wir stellen uns im Kino in einer anderen – aber meist genau gleich langen oder längeren – Warteschlange an, wir kriegen ein Goodie Bag mit Prospekten und Mini-Soletti drin. Ansonsten sitzen wir aber alle so ziemlich im selben Boot.
Unser erstes Mal Diagonale in Zahlen:
- 15 Filme gesehen
- 1329 Minuten im Kino verbracht
- 5 Küberl Popcorn gegessen
- 10 Partys besucht
Sobald das Programm draußen ist, fällt die Planung schon mal leichter. Hier gilt trotzdem: Zeit nehmen! Wenn ihr es so richtig ernst meint, kann das Erstellen des eigenen Filmplans schonmal ein paar Stündchen in Anspruch nehmen. Deshalb erstmal gründlich die Website studieren und überlegen. Zieht es mich ins Dokuprogramm oder zu den großen Spielfilmen? Stehe ich auf alte Klassiker oder bewusstseinserweiternde Kurzfilme? Komme ich für den Vibe und die Partys? Alles ist möglich.

2. Nur nicht stressen & gut Genres mixen: Paulinas Film-Entscheidungen
Ein idealer Tag beginnt meiner Meinung nach mit einem lustigen Film am späten Vormittag. Um 10.30 Uhr morgens schmeckt Popcorn eben einfach besser. Hier habe ich auf die Rubrik Filmgeschichte gesetzt: In den 30er-Jahren war das Drama am Screen rar, die Menschen brauchten was zu lachen. Darum sind solche Spielfilme oft leicht verdaulich und erheiternd. Beim gemütlichen Mittagessen danach kannst du den Film mit deinen Freund*innen nachbesprechen. Gestärkt geht ihr ins nächste Programm: Innovatives Kino.
Wenn die Nacht lang war und die Äuglein müde sind, sind experimentelle Kunstfilme in kleinen Häppchen genau das Richtige. Der Kinosessel ist so gemütlich, es ist schön dunkel, der Film besteht nur aus bunten Farben und hat keinen Dialog. Der 3. Kurzfilm ist völlig stumm, also auch ohne Musik. Die Dame in der Reihe hinter mir hat zum Glück mit ihrem genüsslichen Schnarchen für den Sound gesorgt. Das war so stimmungshaft und wunderbar, wir haben erst nach ein paar Minuten gecheckt, dass das nicht zum Film gehört.
Je nach Energielevel kannst du dir am Vorabend eine Doku und am Abend einen Spielfilm reinziehen. Verpasst du einen Film, weil du dich zwischen zwei Kollisionen nicht entscheiden konntest oder du lieber ein Schläfchen eingelegt hast, kannst du ihn vielleicht am Folgetag noch erwischen. Einige Filme werden nämlich mehrmals gespielt.

3. Bar Hopping und lange Nächte: Paulinas Party-Plan
Mein heißester Tipp für coole Partys auf der Diagonale: Steirische Freund*innen. Ich hatte das Glück, umringt von einer Schar aus Grazer Filmenthusiast*innen durch die Diagonale zu gleiten. Wer hier schon acht Mal war, kennt das Prozedere blind. Während meine Augen an meinem vollen Handykalender kleben, ziehen sie mich von Party zu Party. Hier ein Entwurf für einen ausgedehnten Bar Crawl:
- Pizza bei Contra Punto: Zum Einstimmen für eine lange Nacht. Für Akkreditierte gibt es hier sogar ermäßigte Pizza.
- Running Horse Bar: Uriges Lokal direkt nebenan, dunkle Holzvertäfelung, große Tische für euch und all eure Freund*innen, die ihr im Laufe des Crawls one by one zurücklassen werdet.
- Eule Bar aka Diagonale Bar im Volksgarten: Sehr voll, sehr laut, Bier mit Diagonale-Etikett, Glaspfand (buh!), coole Lichter und viele rauchende Leute, von denen ihr euch Tschick schnorren könnt.
- Kombüseam Stadtpark: Eine Bar so klein wie ein Bushütterl, hat trotzdem Platz für einen eigenen DJ, sehr guter Averna Sour, Raucherdeck größer als die Bar.
- Forum am Stadtpark: Brutalistischer Dance-Keller, völlig eingenebelt, bunte Lichter, gute Soundanlage, Bumm Bumm Techno, Abendkassa. Hier wird nicht jeden Tag aufgelegt, also unbedingt vorher Events checken!
- Postgarage: Größerer Club als Alternative zum Forum, Donnerstag bis Samstag offen, immer was los. Drei Floors mit Techno bis 90s und 2000s Pop.
- Hangover: Abgeranztes Afterlokal, Besuch auf eigene Gefahr.
4. Weniger ist mehr: Tabeas Tipps
Ich war schon oft in Graz, aber noch nie während der Diagonale. Graz ist schon so eine süße Stadt, aber während der Diagonale ist es noch ein kleines bisschen besonderer. Es ist viel mehr los und überall gibt es spezielle Events, Angebote, Filmgespräche, Workshops und Pop-ups. Gefühlt dreht sich die ganze Stadt für ein paar Tage nur um österreichischen Film. Das merkt man auch daran, dass man ständig Freunde und Bekannte trifft. Mach dich generell darauf gefasst, dass du jeden Tag mindestens vier Leute zufällig triffst. Graz ist nicht groß und halb Österreich, zumindest alle Filmliebhaber*innen, kommen für ein Wochenende oder die ganzen sechs Tage nach Graz.
Für mich war klar: Ich wollte in den drei Tagen, die ich in Graz war, so viele Filme wie möglich sehen. Im Nachhinein war ich vielleicht etwas übermotiviert. Eine Woche vor Diagonale-Start habe ich sehr hyped begonnen, mich intensiv mit dem Kinoprogramm zu beschäftigen, und für jeden Tag (Donnerstagabend bis Samstagabend) einen straffen Tagesplan erstellt. Das Kinoprogramm begann um 10:00 Uhr in der Früh und endete um 22:00 Uhr am Abend.
Spoiler: Ich habe nicht einmal die Hälfte geschafft. Deswegen mein erster Tipp: Sucht euch wirklich eure absoluten Lieblinge heraus und stellt sicher, dass ihr in diese Filme reinkommt und rechtzeitig ein Ticket reserviert! (Ich komme gleich zu meiner Leidensgeschichte.) Vergesst dabei auch nicht, dass Kino echt müde macht. Zwei Filme hintereinander kann man schon mal machen. Aber glaubt nicht, dass ihr im zweiten Film die gleiche Aufmerksamkeit haben werdet. Vor allem, wenn man vom KIZ RoyalKino ins Annenhofkino hetzt – Thank God, dass Graz klein ist!
Weil meistens nicht alles nach Plan verläuft, habe ich von meiner Diagonale-Doku-Must-Watch-Liste leider nur einen Film gesehen. Und zwar „WAX & GOLD“ von Ruth Beckermann. In meine absoluten Favoriten „Baba, What’s Your Plan?“ und „All My Sisters“ habe ich es leider nicht geschafft, weil ich die Ticketreservierung völlig unterschätzt habe. Etwas naiv dachte ich, dass ich die Kinotickets sicher noch ein paar Stunden vor Beginn buchen kann, weil es die Tage davor so easy geklappt hat. Was ich dabei nicht bedacht habe: Samstag ist natürlich einer der vollsten Festivaltage. Viel mehr Menschen haben Zeit, ins Kino zu gehen, als unter der Woche.

5. Durchhaltevermögen & Glücksmomente: Mission Kinoticket mit Tabea
Nachdem ich im KIZ RoyalKino bei „All My Sisters“ leider keine Restkarten mehr bekommen habe, beschloss ich, dass mir das auf keinen Fall noch einmal passieren darf. Denn als nächstes stand der Spielfilm „AMS – Arbeit muss sein“ dick unterstrichen auf meiner Liste. Also machte ich mich eine gute Stunde vor Kinostart auf den Weg ins Annenhof Kino. Es stellte sich nur leider heraus, dass Wartenummern für übrig gebliebene Kinotickets erst eine halbe Stunde vor Kinostart ausgegeben werden.
Weil ich den Film unbedingt sehen wollte, eröffnete ich eine zuerst inoffizielle, bald aber offizielle Warteschlange für die Wartenummern (sehr absurd – I know) direkt hinter der Diagonale-Kassa. Nach vierzig Minuten war es endlich so weit: Ich hielt ein kleines grünes Zettelchen in den Händen – ich hatte es geschafft, die erste Wartenummer zu bekommen. Nun hieß es: Weitere zwanzig Minuten warten, weil die übrig gebliebenen Kinotickets erst zehn Minuten vor Filmbeginn herausgegeben werden. Zittern war also bis zum Ende angesagt.
Während sich der Eingangsbereich immer mehr füllte und ich meinen Einserplatz nicht mehr verließ, fühlte ich mich wie auf einem Konzert, so eng war es. Überall tummelten sich Menschen und die Warteschlangen wurden immer länger. Aber das Warten hat sich gelohnt: Ich habe ein Kinoticket und einen der letzten Sitzplätze im Saal bekommen – I DID IT! Somit konnte ich den 100-minütigen Film bei seiner Weltpremiere in vollen Zügen genießen. Hätte mir vor einem Monat jemand gesagt, dass ich mich für ein Kinoticket eine Stunde anstellen würde, hätte ich nur gelacht. Würde ich es wieder tun? Wahrscheinlich nicht. Deshalb mein Tipp: Bucht eure absoluten Favoriten unbedingt rechtzeitig und stellt euch vielleicht sogar einen Wecker für die Ticketreservierung.
Dass ich das Kinoticket für „AMS“ bekommen habe, war mein Diagonale-Happy-End, denn es war auch mein letzter Film. Nach dem Publikumsgespräch, einem Interview mit der Drehbuchautorin und einem spontanen Interview mit der Regisseurin von „Teresas Körper“ (große Empfehlung!), konnte ich zufrieden und erschöpft wieder nach Hause fahren.

6. Spontan bleiben & lachen, bis der Bauch weh tut: Theresas Tipps
Eigentlich hatte ich ja vor, die Diagonale alleine zu verbringen. Ich war die Woche davor ein bisschen gestresst und freute mich auf Me-Time. Daher plante ich mir insgesamt sechs Filme ein. Geworden sind es letztlich vier – und mehr Social-Time als Zeit alleine. Denn in Graz traf ich nach dem vierten (?) Film auf eine Freundin und sie fragte mich, ob ich mit was trinken gehen möchte. Da ich in Filmen Nummer Zwei und Drei sowieso schon eingepennt war und sich meine Augen schon ganz viereckig anfühlten, nahm ich das Angebot an. Die Filmpause tat gut. Ich warf dann gleich meinen ganzen Plan über den Haufen.
Daher mein Tipp: Bleibe spontan! Auf der Diagonale geht das mit der Spontanität sogar relativ einfach. 30 Minuten vor Filmstart kann man sich noch in die jeweiligen Kinos begeben und auf Restplatzkarten hoffen. Wenn man halbwegs pünktlich ist, sollte das klappen (so wie bei Tabeas AMS-Film-Drama). Denn auch andere Personen machen spontane Planänderungen – und die kommen dir dann zugute.
Wie es der Zufall wollte, landete ich dann bei einem privaten Film-Screening in einem Hotelzimmer. Keine Sorge: Da waren auch andere Leute. Die Stimmung war cozy und der Film richtig lustig. Das war ziemlich random, aber echt ein Highlight für mich. Weiterhin spontan habe ich dann den Abend mit der Miniserie „2Hot2Drive” beendet. Das Screening war sehr begehrt und, wie ich glaube, ausreserviert. Meine Freundin hat mir dann 45 Minuten vor Filmstart empfohlen, online nachzusehen, ob es vielleicht doch noch Tickets dafür gibt.
Ich hatte Glück: Drei Rest-Tickets, eines davon war dann meines. Hätte ich meine Pläne nicht geändert, dann hätte ich ziemlich viel verpasst. Bei „2Hot2Drive” habe ich mich echt weggeschmissen. An dieser Stelle nochmal sorry an meine Sitznachbar*innen: Ich habe wirklich richtig laut gelacht. Beendet habe ich die Diagonale im Park House. Ich bin zwar nicht die größte Partymaus, das war mein erstes Fortgehen seit längerer Zeit. Und auch dort gab es ziemlich viel zu lachen!
Für deine eigene Diagonale-Experience empfehle ich dir von ganzem Herzen, dass du offen bleibst und dich nicht zu sehr verkopfst. Manche Vorstellungen sind zwar schnell ausgebucht, es können aber genauso wieder Restplätze auftauchen. Ich habe gelernt, dass die Diagonale so viel mehr als Filmschauen ist. Sie ist da, um Leute zu treffen, sich inspirieren zu lassen und Neues zu entdecken.

Es ist mehr als „nur Filme schauen”: Danke & bis zum nächsten Mal!
Das war unsere erste Diagonale – und ganz sicher nicht unsere letzte.
Wir sind gekommen mit Tabellen und Listen, überambitionierten Filmplänen und der Überzeugung, alles unter Kontrolle zu haben. Gegangen sind wir mit viel Inspiration, zu wenig Schlaf, neuen Lieblingsfilmen, random Begegnungen und der Erkenntnis: Die Diagonale passiert anders, als man denkt.
Unser Fazit: Die Filmlieblinge im Auge behalten, aber sonst am besten treiben lassen. Plane nicht zu viel, geh zu den Partys und Events und schlaf vielleicht sogar im Kino ein (no judgement, it’s a lot). Und sag spontan „Ja“, wenn sich schöne Dinge ergeben. Denn am Ende geht’s nicht nur um die Filme, sondern auch um alles dazwischen und drumherum. Deshalb sagen wir Danke und wir kommen wieder, liebe Diagonale. See you next year!



