Lesen bis die Finger schrumpeln ** Schwimmen/Schweben – Jaqueline Scheiber

Blogheader "Schwimmen/Schweben" (c) Sophie Nawratil

Woher die Leichtigkeit nehmen, wenn die Schwere überwiegt? Dieser Frage geht Jaqueline Scheiber in ihrem Essay „Schwimmen/Schweben“ nach und findet Antworten im kühlen Nass.

Was passiert, wenn vermeintlich öffentlich zugängliche Orte Barrieren aufweisen? Ausschluss. Um diesen zu überwinden, braucht es entweder eine große Portion Mut oder einen Vorschlaghammer. Manchmal auch beides. Insbesondere letzterer ist dabei in seinem Erscheinungsbild vielfältig, kann sich in Form starker Worte oder bestimmter Handlungen zeigen. Dessen ist sich auch Jaqueline Scheiber bewusst. Sie wagt sich an einen solchen Ort heran und schreibt in „Schwimmen/Schweben“ von diesem Annähern, Anfreunden, ja beinahe Bezwingen. Das Hallenbad, das einen Ort körperlicher Verletzlichkeit darstellt, hat sie durch langsames Antasten und viel Überwindung für sich erschlossen.

So leicht kann schweben sein

In gewohnt poetischem, zartem Stil denkt Scheiber über das Erobern neuer Räume und den eigenen Platz im Leben nach. Ihr Fokus schwenkt dabei von der persönlichen hinüber zur politischen Dimension und verwebt sie miteinander: Über ihre Urgroßmutter, die in Ungarn lebte und nie schwimmen lernen durfte, stellt sie die Freiheit und auch die Überlebenschancen des Sports dar. Ihre Mutter bildet hingegen eben jene Ebene des Sports ab: Sie war Schwimmerin für das ungarische Nationalteam. Dabei verbindet Scheiber die sportliche auch mit der eigenen körperlichen Ebene.

Nach ihrem Debütroman "Dreimeterdreißig" erschien nun Scheibers Langessay "Schwimmen/Schweben" im Leykam-Verlag. Auch dieser ist im für Scheiber typischen rosa-blau-Ton gehalten und überzeugt inhaltlich. (c) Sophie Nawratil
Nach ihrem Debütroman „Dreimeterdreißig“ erschien nun Scheibers Langessay „Schwimmen/Schweben“ im Leykam-Verlag. Auch dieser ist im für Scheiber typischen rosa-blau-Ton gehalten und überzeugt inhaltlich. (c) Sophie Nawratil

Die Sache mit dem Körper

Wer einen weiblich gelesenen Körper bewohnt, weiß um die vielen Anforderung an diesen. Er darf nicht zu groß, breit, klein, dünn, viel, wenig, behaart oder unbehaart sein. Und keinesfalls zu wellig, straff, flach, kurvig. Dieses kleine Wort „zu“ ist es, das auch Scheiber beschäftigt. 

So schreibt sie vom Ankommen an einem Ort, an dem so viel vom eigenen Körper gezeigt wird. Und von der Überraschung, als es dort gerade um die Bewertung dessen nicht geht. Sie beschreibt diese Angst, die eine(n) erfasst, wenn man neue Orte erkundet und von den (un)geschriebenen Regeln noch nichts weiß, seine Gepflogenheiten nicht kennt. Bei jedem dieser Sätze muss man mitnicken, es scheint wie Luftholen. Banal und doch so wichtig.

Politisches Plantschen

Doch nicht nur Körperpolitik beschreibt Scheiber in ihrem Essay. Ihr ist auch die Bedeutung barrierefrei zugänglicher Orte bewusst. Barrierefrei bedeutet hier auch: Die Barriere durch hohe Eintrittspreise. Können sich viele Menschen einen Ort nicht leisten, verkommt dessen Publikum zu einer homogenen Masse, die dann auch nicht selten nur unter sich bleibt. Als treffendes Beispiel führt die Autorin Wiener Frei- und Hallenbäder an und trifft erneut den Nagel auf den Kopf.

Scheibers Essay fühlt sich an, als läge man rücklings in zart wogendem Wasser. Von der Sonne gewärmt, vom Nass weich geborgen. Schwere- und gedankenlos, ein schwebender, schwereloser, wunderschöner Zustand. 

Jaqueline Scheiber, „Schwimmen/Schweben“. € 22,50 / 144 Seiten. Leykam, Wien 2026.

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