Wenn Journalist*innen Polonaise tanzen ** United By Pressezentrum

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So läuft der ESC im Pressezentrum ab. Ein Blick hinter die Kulissen kulturjournalistischer Arbeit.

Seit Jahren verfolge ich den Eurovision Song Contest von meiner Couch aus. Den 70. ESC durfte ich diesmal aber ganz anders erleben: direkt aus dem Pressezentrum der Wiener Stadthalle. Wie meine Woche dort ablief, erzähle ich euch jetzt.

Wie alles begann…

Step one war die Anmeldung für eine Akkreditierung. Bereits im Februar musste man sich dafür registrieren und die EBU will wirklich ALLES wissen. Für welches Medium man arbeitet, wie viele monatliche Leser*innen man erreicht, worüber während des ESC berichtet wird und vieles mehr. Danach hieß es: warten. Um ehrlich zu sein, hatte ich schon nicht mehr damit gerechnet, überhaupt noch eine Akkreditierung zu bekommen. Von vielen anderen hatte ich bereits gehört, dass ihre Anträge angenommen wurden. Umso überraschender war dann die Nachricht, nur wenige Tage vor Beginn der ESC-Woche: Wir wurden doch akkreditiert.

Ab diesem Moment ging alles ganz schnell. Eine Mail nach der anderen flatterte in mein Postfach: Informationen zur Akkreditierung, zu Abholorten, Sicherheitsregeln, Handbooks mit sämtlichen Do’s and Don’ts und vieles mehr. Da es meine erste Akkreditierung war, und dann gleich für ein Event wie den ESC, wirkte das anfangs ziemlich überwältigend. Sobald ich aber vor Ort war, verschwand die Unsicherheit schnell. Alles war hervorragend organisiert.

(c) Corinne Cumming EBU

Eine Woche Eurovision Extreme

Das Pressezentrum, das sich in der Sporthalle der Wiener Stadthalle befand, war riesig. Kein Wunder, schließlich mussten dort über 1.000 Journalist*innen untergebracht werden. Trotzdem war es oft schwer, überhaupt einen Sitzplatz zu finden. Am Finaltag war ich bereits um 12 Uhr vor Ort und selbst da waren die meisten Plätze schon besetzt. 

1.000 Journalist*innen brauchen aber nicht nur viel Platz, sie sind auch laut. Der Geräuschpegel war teilweise so hoch, dass ich bis heute keine Ahnung habe, wie manche dort konzentriert arbeiten konnten. Gleichzeitig war ständig etwas los. Wenn gerade keine Preview Show oder Pressekonferenz stattfand, mischten sich ESC-Legenden oder aktuelle Teilnehmer*innen unter die Menge.

Einen überraschenden Vorteil hatte die Akkreditierung allerdings auch. Man konnte sich kostenlos die ersten Dress Rehearsals ansehen. Der Eurovision Song Contest besteht schließlich nicht nur aus den Liveshows, sondern auch aus mehreren Proben und Preview Shows. Was ich vorher gar nicht wusste: Es gibt auch komplette Durchläufe ohne Publikum, zu denen allerdings die Presse eingeladen wird. Dadurch konnte ich noch vor allen anderen beide Semifinale und das Finale in einer fast leeren Stadthalle erleben; definitiv eines meiner persönlichen Highlights der Woche.

Die beiden Preview Shows konnte man zwar nur mit Ticket direkt in der Halle verfolgen, für die Presse gab es allerdings die Möglichkeit, die Shows im Pressezentrum mitzuschauen oder über einen bereitgestellten Stream von zu Hause aus zu verfolgen.

Pressemenschen sind auch nur Fans

Den Finaltag verbrachte ich fast zur Gänze im Pressezentrum. Von 12 Uhr mittags bis 2.30 Uhr nachts war ich vor Ort. Ich wollte ein letztes Mal die volle ESC-Dröhnung erleben. Vor meiner ersten ESC-Erfahrung hatte ich immer die Vorstellung, dass ein Pressezentrum unglaublich seriös sein muss. Der Finalabend hat mir allerdings gezeigt: Die meisten Journalist*innen, die über den ESC berichten, sind selbst einfach Fans. Es wurde gejubelt, getanzt und irgendwann begann sogar eine Polonaise mitten durchs Pressezentrum. Ganz normal beim Eurovision Song Contest.

Natürlich bejubelten viele besonders laut ihre Länder und schwenkten während der Auftritte ihre Flaggen. Gleichzeitig gab es aber auch Songs, bei denen der gesamte Saal komplett eskalierte, völlig unabhängig von der Nationalität. Das spätere Gewinnerlied „Bangaranga“ von Dara zählte definitiv zu diesen.

(c) Corinne Cumming EBU

Mein Fazit zum ESC in Österreich

Beginnen wir mit dem Positiven: Die Bühne. Florian Wieder, der bereits mehrere ESC-Bühnen entworfen hat, hat mit der Wiener Bühne für mich eine der schönsten ESC-Bühnen überhaupt geschaffen. Das vom Violinschlüssel inspirierte Design war einfach atemberaubend. Auch der Greenroom, der heuer wie ein Wiener Kaffeehaus gestaltet wurde, sah fantastisch aus.

Ein absolutes Highlight war außerdem JJs Opening beim Finale. Gemeinsam mit dem ORF Radio-Symphonieorchester sowie mehreren Tänzer*innen performte er „Königin der Nacht“, „Wasted Love“ und seinen neuen Song „Unknown“. Für mich war das einer der stärksten Momente der gesamten Show und hat die eher cringe wirkenden Interval Acts der Semifinale mehr als wettgemacht.

Vor allem die Performances von Victoria Swarovski und Michael Ostrowski konnten mich überhaupt nicht überzeugen. Ich verstehe bis heute nicht, wer die Zielgruppe für die „Austria vs. Australia“-Nummer gewesen sein soll. Außerhalb Österreichs versteht kaum jemand diesen Witz, ihm dann gleich einen ganzen Song zu widmen, wirkte für mich einfach unnötig. Auch das Opening des zweiten Semifinales, das eine Parodie zu „Wasted Love“ war, fand ich seltsam. Dieser Song hat letztes Jahr gewonnen, warum macht man sich darüber lustig?

Generell war die Wahl der Moderator*innen für mich ein kompletter Fehlgriff. Die beiden hatten kaum Chemistry und wirkten, als würden sie krampfhaft versuchen, lustig zu sein. Genau das ging leider nach hinten los. Auch viele internationale Journalist*innen, mit denen ich gesprochen habe, sahen das ähnlich. „Sadly we now return to our hosts“, kommentierte beispielsweise der in Großbritannien für seine ESC-Moderation gefeierte Moderator Graham Norton live für die BBC. Es war eine der schwächsten ESC-Moderationen seit Langem. 

Enttäuschend fand ich außerdem die diesjährigen Postcards. Früher lebten diese Clips immer von der Verbindung zwischen den Künstler*innen, dem Gastgeberland und den Menschen vor Ort. Genau das hat diesmal komplett gefehlt. Stattdessen wurden die Delegationen vor Greenscreens gefilmt und später in die Orte eingefügt. Das Ergebnis waren für mich ziemlich seelenlose Clips, bei denen man oft nicht einmal erkennen konnte, wo sie überhaupt aufgenommen wurden. Den Budget-Cut hat man definitiv gesehen und auch gespürt.

Trotz aller Kritik war diese Woche aber ein absolutes Highlight für mich. Den ESC einmal nicht nur vom Sofa aus, sondern direkt vor Ort erleben zu dürfen, war laut, chaotisch, anstrengend und gleichzeitig genauso magisch, wie ich es mir immer vorgestellt hatte.

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