Das Problem der feministischen Debatte als Roman ** Medusa in Paradise – Laura Melina Berling

Blogheader _Medusa in Paradise_ (c) Lisa Schmelz

Selten fasst ein Roman so überbordend zusammen, was sich viele ob einer feministischen Debatte denken: Oh my, geht’s eigentlich noch nerviger? „Medusa in Paradise“ tut genau das – ob bewusst oder unbewusst ist unklar. Klar ist nur, dass es beinahe eine Qual ist, weiterzulesen.

Eine Protagonistin, die ohne jegliches Gedächtnis erwacht. Zwanzig Frauen auf einer Insel, irgendwo im Nirgendwo. Und die allgegenwärtige Frage, was man denn noch sagen darf. Was klingt, wie ein anstrengender Fiebertraum, ist Laura Melina Berlings Debütroman „Medusa in Paradise“. Dieser erinnert zunächst stark an die von Amazon und ABC Signature produzierte und viel zu früh abgesetzte Serie „The Wilds“. Doch bereits nach dreißig Seiten ist klar: Das hier wird ein wilder Ritt.

„WTF!“

Cara, der Protagonistin, erscheint kurz vor dem Absturz eine feministische Göttin mit vielen Köpfen. Blöd nur, dass diese, ganz anders als gedacht, doch nicht so wohlgestimmt ist, wie es über Göttinnen angenommen wird. Als sie auf der Insel wieder zu sich kommt, hat Cara alles vergessen – ihren Namen, woher sie kommt, wohin sie wollte.

Und alles dazwischen auch. Wie gut, dass da 19 andere Frauen sind, die sicher bereits gemeinsam an einem Plan arbeiten, wie sie von dieser Insel kommen, oder? Schön wär’s. 

Denn die Frauen in Berlings Roman diskutieren und streiten weitaus lieber darüber, was man wie zu wem sagen darf, anstatt sich um die wichtigen Dinge einer Notsituation zu kümmern. Das verunsichert auch Cara sehr, die im Laufe der Erzählung immer mehr kindliche Züge annimmt und aufgrund ihrer fehlenden Erinnerung als Luna angesprochen wird.

Medusa in Paradise erschien 2026 im Leykam Verlag (c) Lisa Schmelz

Queer, feministisch, laut

Die gestrandeten Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein und repräsentieren sinnbildlich den breit gefächerten Feminismus in all seinen Strömungen. So vertritt Nykki etwa die Meinung, sich beleidigende Worte anzueignen, sei ermächtigend, und geht als „Fotze“ und in berlinesquer-techno-Manier vielen anderen auf den Nerv. Andere vertreten die Meinung, Männer seien das Übel der Welt, während wieder andere sich klar dagegen positionieren. Als man dann einen Mann auf der Insel antrifft, läuft alles aus dem Ruder.

Es ist spannend und gut zu sehen, dass die verschiedensten feministischen Meinungen hier abgebildet werden. Die Verarbeitung in beinahe reiner Dialogform macht es allerdings umso nerviger, den Figuren zu folgen. Es kommt nicht selten vor, dass man während des Lesens die Hände über dem Kopf zusammenschlägt oder die Augen verdreht.

Unbequem? Ja. Wichtig? …

So nervig es ist, so viele weibliche Figuren in einer Notsituation über Nebensächlichkeiten diskutieren zu „sehen“, so gut ist es, dass hier wohl tatsächlich auf eine halbwegs ausgeglichene Darstellung des feministischen Diskurses geachtet wurde. Man muss der Autorin definitiv zugute halten, dass dieser beinahe satirische Blick auf den Stand der Dinge aufrüttelt. 

Das Fortkommen von der Insel steht sinnbildlich für ein Fortkommen aus der patriarchalen Unterdrückung. Das kann aber nur funktionieren, wenn wir an einem Strang ziehen und zusammenarbeiten. Dass dafür auch einiges vorab geklärt werden muss, ist klar. Es darf nur das Ziel nicht aus den Augen verloren werden.

Too much

Laura Melina Berling ist mit ihrem Debütroman zwar nicht der große Wurf gelungen, wohl aber eine Geschichte, die auf einer anderen Ebene sehr wohl zum Nachdenken anregt. Wenn auch über Offensichtliches. Wer sich nicht mit Feminismus auseinandersetzt und die Debatte einengender, verwirrender und nerviger findet als alles andere, wird hier gut repräsentiert.

Berlings Versuch, den Feminismus in all seinen Facetten abzubilden und auf einen Nenner zu bringen, lässt Lesende zurück wie die Protagonistin: verunsichert und stumm, in der Hoffnung, nichts Falsches zu sagen. Schade, denn das wäre sicher etwas eleganter und besser gegangen.

Laura Melina Berling, „Medusa in Paradise“. € 25,50 / 272 Seiten. Leykam, Wien 2026.

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