Warum Gewalt ein Männerproblem ist ** Niemals aus Liebe – Miriam Suter, Natalia Widla

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Wie wird man oder ist man ein Frauenmörder? Die Schweizer Journalistinnen Miriam Suter und Natalia Widla sind in ihrem neuen Buch „Niemals aus Liebe – Männergewalt an Frauen“ dieser Frage nachgegangen und haben versucht, eine Antwort darauf zu finden.

Wöchentlich liest man über Femizide in den Medien. Es handelt sich dabei um Morde, die von Männern an Frauen verübt werden, aufgrund ihres Geschlechts. Medien lieben es, die Täterperspektive in das Spotlight zu bringen. Darüber zu reden, wie sehr die Täter das Opfer nicht geliebt haben und leider „aus Affekt“ gehandelt hätten. Doch wie sieht denn so ein Täter aus? 

Lieber den Mann, oder den Bären im Wald?

Die beiden Journalistinnen bedienen sich an einem eher traurigen Social-Media-Trend als Einstieg in die Thematik. Nämlich der Frage, ob man als Frau lieber einem Mann oder einem Bären ausgesetzt sein möchte. Die meisten der Frauen antworteten, dass sie lieber einem Bären begegnen würden, da sie diesen besser einschätzen könnten als einen Mann. Allein diese Antwort spiegelt die Problematik unserer Gesellschaft wider. 

Als Frau muss man ständig auf der Hut sein, nicht in unangenehme Situationen zu kommen, die relativ schnell gefährlich werden können. Das Problem sind Männer, denn Gewalt an Frauen ist ein Männerproblem. Emotional darf man als Leser*in die emotionale Achterbahn weiterfahren, während die Autorinnen alle Femizide aus den Jahren 2020 bis 2024 in der Schweiz auflisten. Mit jedem gelesenen Namen wird das eigene Gefühl noch mulmiger.

Viele von uns haben ein bestimmtes Bild vor Augen, wie ein Täter aussehen könnte. Jemand, der mitten in der Nacht und völlig unerwartet aus einem Busch hervorkommt und seine geplante Tat umsetzen will. Aber ist das wirklich so? 

Miriam Suter, Natalia Widla (c) Limmat, Claude Hurni, Ana Germann
Miriam Suter, Natalia Widla (c) Limmat, Claude Hurni, Ana Germann

Wie wird man zum Täter?

Die beiden Journalistinnen sprechen mit unterschiedlichen Expert*innen darüber. Darunter eine Kriminologin, die alle sieben Stufen zur Tötung einer Frau erklärt, einem Therapeuten, der die “dunkle Triade” erklärt. Oder auch eine Psychiaterin, die mögliche Hintergründe von Sexualstraftaten präsentiert und sich für eine notwendige Präventionsarbeit ausspricht. 

Ausschlaggebende Punkte der Recherche beinhalten die patriarchalischen Strukturen in der Kultur und Gesellschaft der Täter und der „Manosphere“ (der männlich dominierte Teil des Internets), wo der Hass gegenüber Frauen im Vordergrund steht – Stichwort Incels* und Andrew Tate*. Ihre Recherchen werden immer wieder durch Fallbeispiele ergänzt, in denen man Einblicke in die Gerichtsverfahren der Täter und  die furchtbaren Erfahrungen der Opfer erhält. Auch Männer, die zur Änderung bereit sind und keine Täter werden wollen, kommen zu Wort. 

Ein weiteres großes Kapitel beschreibt den Ansatz der transformativen Arbeit. Es geht darum, dass jene Person, die Gewalt ausgeübt hat, von einem ihm bekannten Umfeld in seinem Prozess des Verantwortungsbewusstseins begleitet wird. Durch diesen Austausch soll auch die von Gewalt betroffene Person unterstützt werden. Parallel dazu gibt es das Prinzip der “Restorative Justice” (zu Deutsch: wiederherstellende Gerechtigkeit), die schon teils in die Justiz inkludiert wurde und sich nach den Bedürfnissen des Opfers richtet. Kritik gibt es an beiden Formen, da sie quasi ohne Polizei und Co. durchgeführt werden und die Frage offen bleibt, ob dem Opfer tatsächlich richtig geholfen werden kann.

Wie kann man Frauen schützen?

Die Autorinnen machen klar: Durch Präventions- und Unterstützungsarbeit. Die Journalistinnen zeigen auf, welche Länder in Europa es geschafft haben, klare Gesetze und Stellen für Opfer häuslicher Gewalt aufzustellen (Spitzenreiter ist Spanien). Und was es braucht, um Opfern in der Schweiz mehr Schutz und Hilfe bieten zu können. Zudem braucht es einiges an Präventionsarbeit und die Einsicht der männlichen Bevölkerung, sich für Frauen einzusetzen. Und zu akzeptieren, dass auch sie Aufholbedarf haben.

Von der eigenen Emotionsregulation, dem Wissen über die Gefahren für Frauen, oder das Know-How über das richtige Handeln in unterschiedlichen Situationen. Bis hin zu dem Eingeständnis, dass jeder Mann ein Täter sein könnte und es auch in ihrer Verantwortung liegt, einzugreifen. Trotz Schweiz-Schwerpunkt hat es Österreich in eine traurige Spitzenposition geschafft: in der Zahl der Femizide. Denn in Österreich sind 74% aller Femizide Partnerschafts-Morde durch aktuelle oder vergangene Partner.

Fazit 

Definitiv keine Nachtlektüre und nichts für schwache Nerven. Die Schweizer Journalistinnen haben bravouröse Recherchearbeit geleistet und es geschafft, einen umfassenden Einblick in die Thematik zu geben. Ich selbst habe immer wieder beim Lesen pausieren oder mich regulieren müssen, da die Opfer- und Täteraussagen, als auch Statistiken mir zugesetzt haben. Im Leseprozess macht sich unfassbare Traurigkeit, Hilflosigkeit und Schmerz breit und öffnet einem noch einmal die Augen, wie benachteiligt Frauen weiterhin sind. 

Die neuen Ansätze in Richtung Prävention lassen einen kleinen Hoffnungsschimmer aufkommen und beten, dass unsere weiblichen Nachfahren es einmal besser haben werden. Ja, es mag alles gerade sehr drastisch klingen. Doch durch dieses Buch wird noch einmal Klarheit geschaffen, mit wie viel furchtbarer Gewalt man sich als Frau auseinandersetzen muss – egal ob sexuelle, sexualisierte, körperliche oder psychische Gewalt. 

Ich wünsche mir, dass viele Männer dieses Buch in die Hand nehmen und abrücken  von der Aussage „Aber es sind nicht alle so“. Ihr Learning sollte sein: „Wir müssen alle dazulernen und uns damit auseinandersetzen, um Frauen helfen zu können“. That’s my only wish this year. Beenden möchte ich mit einem Zitat dieses Werkes:

„Glaube Frauen, wenn sie dir von Gewalterfahrungen erzählen. Auch dann, wenn du den mutmaßlichen Täter kennst – vor allem dann, wenn du den mutmaßlichen Täter kennst.“

Knister*Wissen:
Incel
(involuntary celibate) = dabei handelt es sich um radikal misogyne Männer, die trotz Bestrebungen keinen Sex haben und sich für Gewalt gegen Frauen positiv aussprechen, da sie denken, ein Recht auf ihre Begierde zu haben.

Misogyn = Frauenfeindlich

Andrew Tate = der Unternehmer und ehemalige Kickboxer hat sich in den sozialen Medien durch seine frauenfeindlichen Aussagen und Sichtweisen einen Namen gemacht. Seiner Ansicht nach müsse man sich als Mann so optimieren, dass Frauen einem nachlaufen und man sie dann benutzen und missbrauchen kann.

Wenn du von Gewalt betroffen bist:

Soforthilfe österreichweit und rund um die Uhr:
Frauenhelpline gegen Gewalt, kostenlos und auf Wunsch anonym
Telefon: 0800 222 555
Online-Beratung: www.haltdergewalt.at
Relay-Service für gehörlose Frauen: www.oegsbarrierefrei.at/frauenhelpline

Polizeinotruf
133 oder Euro-Notruf 112

Stiller Polizeinotruf
(barrierefreie App DEC112)
app.dec112.at

Polizeinotruf für gehörlose Personen
0800 133 133 (SMS mit Info zu Notsituation und Ort)

Beratung und Schutzunterkünfte
Gewaltschutzzentren: www.gewaltschutzzentrum.at

Überblick Beratungsstellen und Schutzunterkünfte in Österreich
kostenlos, vertraulich, mehrsprachig und auf Wunsch anonym

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