Babsie verlässt den 7. Babsie-Bezirk, um in Wien Ottakring das wahre Leben kennenzulernen. Die vielleicht feministischste Barbie-Geschichte ever.
Als riesiger und durchaus kritischer Barbie-Fan machte ich die Vorstellung “Was geschah, nachdem Babsie ihren Ken…” vom Bernhard-Ensemble natürlich zum Pflichtprogramm. Und meine Erwartungen an das Mash-up im OFF Theater wurden nicht enttäuscht.
Im Gegenteil. Das verspielte Bühnendesign mit Barbie-Verpackungsboxen samt lebensgroßen Zubehör, vergnügte Candy-Crushige Outfits, puppenhafte oder akrobatische Verrenkungen der sechs Darstellenden und der kluge Text, der Greta Gerwigs Spielfilm Barbie (2023) und Elfriede Jelineks Drama „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaft“ (1979) miteinander vermengt: einfach alles hat gestimmt.
“Hi Babsie!”
Influencerin Babsie lebt in ihrer perfekten Traumwelt, dem 7. Babsie-Bezirk. Ein heiles Fleckchen Stadt. Babsie und ihr Babsie-Chor begrüßen einander jeden Morgen mit einem gut gelaunten “Hi Babsie!” und brechen regelmäßig in schrilles und übertriebenes Gelächter aus, weil alles so super toll ist. Ihre Fans nimmt Babsie Hashtag-jonglierend auf ihre Mission mit und verbreitet frohe feministische Botschaften.
Denn die Babsies haben seit jeher die Vorherrschaft über die Kens und jede Nacht ist girls night. Bis Babsie einen erleuchtenden Moment hat: Ein Buch von Elfriede Jelinek schwebt plötzlich vom Himmel und landet direkt vor ihrer Nasenspitze. Babsie denkt daraufhin immer intensiver über das Leben nach und verlässt schließlich ihre makellose Heimat für den Wiener Randbezirk Ottakring. Natürlich nicht ohne Ken im Schlepptau.

Die Parallelen zum Barbie-Spielfilm sind unverkennbar. Regisseurin Sophie Resch hat diesen aber an vielen Stellen noch weiter gedacht und an das Wiener Publikum angepasst – Witze auf Kosten der U-Bahnlinie U6 (da stinkt’s) oder der Thaliastraße (so viele Messerstechereien) und damit auf dem Rücken der Voreingenommenheit vieler Bobo-Wiener*innen inklusive.
Knister*Wissen: Warum eigentlich Babsie? Mutmaßlich wurde dieser Name gewählt, weil die Tochter der Barbie-Erfinderin Ruth Handler Barbara hieß – also Spitzname Babsi. Ruth schenkte Barbara eine Mannequinpuppe, die sie auf einer Reise durch Europa in einem Schaufenster erspähte. Diese Puppe diente in weiterer Folge als Vorbild für die Barbie.
Du kannst alles sein! Oder?
Während Gerwig in ihrem Film einem breiten Publikum feministische Grundlagen näherbrachte – manchen vielleicht sogar zum ersten Mal – packt Resch mit dem Bernhard-Ensemble die Fülle feministischer Zeitgeschichte aus. Die Spielzeit wird dadurch zu 100 lehrreichen Minuten, randvoll gefüllt mit Zitaten bekannter Frauen und Vordenker*innen, darunter neben Elfriede Jelinek zum Beispiel auch Henrik Ibsen, Audre Lorde oder Simone de Beauvoir.
„Ich bin nicht frei, solange irgendeine Frau unfrei ist, selbst wenn ihre Fesseln ganz anders sind als meine eigenen.“ – Audre Lorde
Der Text ist dadurch ein spritziger Kraftakt, dem dank der großen Hingabe des Ensembles nie das Feuer ausgeht. Rina Juniku ist eine blonde Klischee-Barbie (räusper: Babsie), wie sie in der Spielzeugkiste liegt. Sonniges Gemüt, angetackertes Lächeln auf den Lippen, mechanisch klimpernde Augenlider, immer auf trippelnden Zehenspitzen unterwegs.

Selbst in den pinken Birkenstock-Sandalen, die ihr als neue Angestellte beim Discounter Hofher (I love the creativity!) in Wien Ottakring bereitgestellt werden. Doch sie kann auch anders, zum Beispiel als sie den männlichen Angestellten als Gleichstellungsbeauftragte eine Lektion in Sachen „Nein heißt nein“ gibt, die sich gewaschen hat.
Im 16. Bezirk trifft Babsie auf Babsies, die weniger privilegiert und behütet aufgewachsen sind. Weird-Babs (Yvonne Brandstetter) ist unheimlich akrobatisch und wendig, selbst während der Geburt; die gemeine und abgehärtete Eva Babs (Leonie Wahl), die fast mechanisch die von ihr erwarteten Aufgaben verrichtet; oder die stets adrette und anmutige Tradwife-Babs (Yiva Maj), die mühelos auf schwindelerregenden Stöckelschuhen umher tänzelt.
Diese Babsies wissen zum Beispiel, dass weibliche Krankheiten oft schlechter erforscht sind oder der Mann häufig als Maßstab für viele alltägliche Dinge galt, zum Beispiel wurden Crashtest-Dummys lange nach den Maßen männlicher Körper angefertigt. Welcome to the real world!
Zur zweiten Geige geboren
Christian Kohlhofer spielt Ken als weinerliche und bedürftige zweite Geige. Was ist ein Mann ohne Frau, die ihn anschaut, fragt er sich und begleitet Babsie (ungewollt) in den Randbezirk. Er heuert ebenso beim Hofher an, wird aber relativ schnell von den männlichen Angestellten (ebenfalls Yvonne Brandstetter, Leonie Wahl, Yiva Maj) vom Alphatum überzeugt.
Gerade wollte er mit Babsie noch zumTherme Oberlaa Beach oder wand sich zu ihrer musikalischen Glanzleistung „Ich gehe“ in einem filmreifen Gefühlsausbruch raupenartig über die halbe Bühne. Ein sehr unterhaltsamer sowie etwas unangenehmer Moment: Ich saß in der ersten Reihe und beobachtete das Heulsal nur wenige Zentimeter von meinen Schuhspitzen entfernt. Wenig später betreibt Ken mit seinen Ken-Kollegen Schwanzvergleich im außerordentlich verrauchten Raucherkammerl. Dass manchmal Barbiepuppen als Penisse herhalten müssen, verdeutlicht die Abwertung des weiblichen Geschlechts noch mehr.
Hofher-Chef Superprolo-Ken (Ernst Kurt Weigel) macht seiner Rollenbeschreibung alle Ehre. Im Pelzmantel und weit aufgeknöpften Hemd, mit schneller Brille und rosa Crocs steht er die erste Hälfte des Stücks regungslos am Abstellgleis – sprich: in der Barbie-Schachtel am Bühnenrand –, steigt dann aber zum grandiosen Alleinunterhalter auf.

Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Er kann super mit sich alleine spielen, legt der kurzzeitig bewusstlosen Babsie Wörter in den Mund und spinnt den Dialog alleine weiter. Oder er singt im Dialekt, zum Beispiel darüber, dass er sich selbstverständlich an Frauen abreagieren wird (Stichwort: Gewalt an Frauen). Dann zeigt er aber auch wieder Selbstkritik, zum Beispiel wenn er eingesteht, dass Männer auch ziemlich leicht zu sabotieren sind. Stellt Frau das Ketchup im Kühlschrank woanders hin, wird Mann es nie wieder finden…
Unterhaltsame Zermürbung
Das Bernhard-Ensemble hat ein sehr unterhaltsames und ebenso zermürbendes Stück geschaffen. Denn eigentlich zeigt es unsere Realität, nur eben mit schriller Übertreibung und pinkem Zuckerguss. Die Hauptfigur darf und soll man zunächst durchaus kritisch sehen, da sie eine Doppelmoral an den Tag legt. Denn natürlich ist Babsie dafür, dass weibliche Körper in allen Varianten akzeptiert werden. Friss so viel, wie du willst, sagt sie, wirbt aber im nächsten Atemzug für Shapewear. Go girl, denkt sie, du schaffst alles, wenn du es nur wirklich willst. So wie Katy Perry, die ist sogar ins All geflogen. Slay!
Dass es für viele Dinge eine Menge Privilegien und Chancen braucht, die nicht jeder*m automatisch in die Wiege gelegt werden, ist zunächst kein Teil ihres Bewusstseins. Ebenso wenig die Tatsache, dass sich nicht alles Negative so schnell aus dem Leben schmeißen lässt. Dennoch predigt sie: einfach raus aus der toxischen Beziehung, den Nationalsozialismus in die Vergangenheit schieben und am besten nicht mehr über die schlechten Dinge reden.
Babsie ist in einer Welt groß geworden, die Gleichberechtigung zwar vorgibt, die aber auf einem durch und durch patriarchalen Fundament steht. Wichtige Positionen sind nach wie vor männlich besetzt, Care Arbeit zählt genau 0, Feminismus und Selbstbestimmung werden kapitalisiert. Bis sie selbst in die Falle tappt und ihre rosarote Brille allmählich Sprünge bekommt. Wem Greta Gerwigs Barbie ein Stück zu kurz griff, der wird von Babsie im OFF Theater sicher begeistert sein. Ein Must-See!
Das Stück wird noch bis 9. Mai im OFF Theater gezeigt.


