Österreichischer Grant in seiner Perfektion ** Das Gurkerl – Johanna Sebauer

Blogheader Das Gurkerl (c) Pamela Rußmann

Wiener Unmut trifft auf österreichische Wurstigkeit und führt zu einem verzichtbaren Drama, das alle irgendwie (nicht) wieder zusammenbringt.

Net mei Frühstück!

Pertak ist ein meinungsstarker und lautstark telefonierender Journalistenkollege, den man wirklich nicht in seinem Großraumbüro braucht. Er nimmt akustisch wie auch emotional zu viel Platz ein und lässt jeden (ungewollt) an seinem leidigen Dasein teilhaben. 

Als wäre er per se nicht schon schlimm, passiert was passieren muss. Es kommt zu einem Vorfall, von dem er sich nicht so schnell erholen wird: ein Frühstück. Dieses führt zu einem einwöchig verletzten und abgeklebten Auge, brennenden (Männer-)Augenschmerzen und einer Brandrede im Lokalblatt, für das er arbeitet. 

Dieser Text ist der Inbegriff journalistischer Perfektion, die es so scheinbar schon lange nicht mehr von ihm gab. Er handelt vom puren Hass und von der Gefahr eines in Essig eingelegten Gemüses. Wovon wir sprechen? Achtung, jetzt wird’s wild: Essiggurken. 

“Ein gschissenes Hurnsgurkerlwasser” 

Die Essiggurke. Ein Bandit sondergleichen, ein Gfrast, ein Produkt des Teufels. Leider ist der Kurztext von Journalist Pertak in Sebauers Roman „Das Gurkerl” nicht einsehbar, aber ich stelle mir die Headline so vor.

Die Chefredakteurin findet den verschriftlichen Gefühlsausbruch des Journalisten amüsant, möchte aber, dass dieser am nächsten Tag wieder aufgelöst wird, um keine Probleme mit den Essiggurkenhersteller*innen zu bekommen. 

„Das Gurkerl“ von Johanna Sebauer (c) Pamela Rußmann

Pertak lässt von seiner Ungunst nicht ab und holt sich für ein Interview eine „Expertin” ins Boot – eine scheinbar gleichfühlende, ehemalige Schuldirektorin, die den tödlichen Faktor der Essiggurken zu seiner Verteidigung anerkennt. Am Schulhof war immerhin die Rutschgefahr aufgrund des eingelegten Kürbisgewächs zu hoch, wodurch sie die Gurkenscheiben wortwörtlich eigenhändig aus dem Verkehr brachte. 

Mit der Hoffnung, dass der Gurkerl-Wahnsinn über die nächsten Woche verdampft, gewinnt das Thema tatsächlich an Größe und führt sogar dazu, dass ein Träger einer Kindertagesstätte den Verzehr aufgrund von Gesundheitsrisiken verbietet. Eine der Grundlagen für diese unausweichliche Entscheidung: die Glitschigkeit der Essiggurken.

Joa, is ma wurscht

Der Journalist, aus dessen Ich-Perspektive der Roman verfasst ist, wird dazu genötigt, einen Kommentar als Kontra zu der Essiggurken-Debatte zu verfassen. Nachdem er absolut keine Meinung hat und sich ehrlich gesagt auch keine bilden will (hier sind wir bei der wunderbaren Wurstigkeit) spricht er sich für die Essiggurke aus. Der Outcome dieser Diskussion irritiert zutiefst, denn nun hat diese auch Social Media erreicht. Essiggurken-Patrioten und -Gegner inklusive. 

Irgendwann wird dem Erzähler alles zu viel und die Geschichte rutscht in eine Fiktion. Plötzlich befinden sich Ranken am Boden, die Pertak einfangen. Er findet sich in einem fixierten Krankenbett wieder und wird mit Fragen konfrontiert, schläft ein und ist zurück im Arbeitstrott. War das alles nur ein böser Traum? Das Gurkerl-Thema verschwindet, bis ein neuer Feind in die Räumlichkeiten des Lokalblattes tritt.

Fazit

Grotesk und dennoch allzu real fühlt sich diese Geschichte an. Mir sind traurigerweise instant Personen meiner bisherigen Arbeitsplätze eingefallen, die Herrn Pertak bestens verkörpern könnten. Mit großartigem Humor und viel Ehrlichkeit, ist dieses Werk wie ein Spiegel der österreichischen Gesellschaft, in der Grant über Macht und Niederlage entscheidet. 

Egal wie nichtig das Thema scheint, mit der richtigen Portion Suderei und persönlicher Sprache kann man sogar mit Gurkerl die Medien dominieren. Dieses Buch ist eine wunderbare, kurzweilige Unterhaltung für zwischendurch, die mit ihrem Witz und ihrer zutiefst authentischen Art brilliert.

Dumont, 2026 

Schau hier her → Look here → Buraya bak → Pogledaj ovde → Nézd ide → Guarda qui → انظر هنا → Podívej se sem → Spójrz tutaj → Посмотри сюда → Виж тук → Nhìn đây →

knisternde Beiträge:

"Kultur ist nachhaltig" vegan" lit oida" glutenfrei" neurodivergent" neutral" kulturell" nonbinär" geil" Hafermilch?" chaotisch" richtig" bunt" verständnisvoll" multi" direkt" ...FÜR ALLE"